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[00:00:01]

Mal angenommen, Deutschland tritt aus der EU aus. Sind die Grenzen dann dicht? Zahlen wir wieder mit D-Mark und gefährdet das den Frieden in Europa?

[00:00:15]

Mein Name ist Sophie von der Tann und ich bin Birthe sei Nießen und wir beide sind Korrespondentin im ARD-Hauptstadtstudio in Berlin und jede Woche spielen wir hier im Podcast ein Zukunftsszenario durch. Diesmal schauen wir uns an, was ein Dexit bedeuten könnte. Dann könnte die Tagesschau in der Zukunft vielleicht so klingen.

[00:00:34]

Zehn Jahre nach dem Austritt aus der EU hat der letzte große deutsche Automobilhersteller seinen Firmensitz ins Ausland verlegt. Wegen der hohen Zölle sei die Produktion zu teuer geworden, sagte der Vorstandsvorsitzende. Außerdem habe die starke D-Mark dazu geführt, dass weniger Autos ins Ausland verkauft worden sind.

[00:00:56]

Also Deutschland tritt aus der EU aus. Profil Lass uns da mal ein mögliches Szenario durchspielen, was das bedeuten könnte. Und wir gehen jetzt einfach mal davon aus, dass wir jetzt auch kein Abkommen schließen mit 1 000 Sonder Klauseln. Also Deutschland ist einfach raus. Ja, das würde dann auch erst einmal bedeuten Tschüss Schengen und herzlich willkommen zurück. Grenzkontrollen, also auch Grenzzäune, Schlagbäume, Grenzbeamte. Also was müsste es dann wieder geben? Wir haben es nachgeschaut. Fast 4 000 km Grenze müsste man dann wieder im Blick haben.

[00:01:27]

9 Länder.

[00:01:28]

Eine Grenze verläuft zwischen Deutschland und den Niederlanden. Das sind fast 600 km Grenze, die es dann zu bewachen gäbe. Und ein paar Kilometer. Die laufen genau durch Suder weg. Das ist ein Stadtteil von Bocholt in Nordrhein-Westfalen.

[00:01:42]

Du warst ja schon mal da. Und als wir drüber gesprochen haben bei der Recherche, ist dir dieser Ort wieder eingefallen und du meintest Hey, das ist ein super Beispiel. Das ist einer dieser Orte, wo die Grenze mitten durch geht. Er erklär mal, wie man sich das vorstellen kann. Ja, da gibt's eine Straße. Der Hohlweg, so heißt er auf Niederländisch. Und der ist im Prinzip die Grenze, also Bürgersteig auf der rechten Seite und die Häuser rechts, die gehören zu Deutschland.

[00:02:07]

Die Straße, auf der du dann stehen würdest, die gehört schon zu den Niederlanden. Und die Häuser auf der linken Seite auch. Auf der linken Seite der niederländische Supermarkt, rechts der deutsche Supermarkt. Und wenn du da einfach über die Straße gehst, dann übertritts du quasi die Landesgrenze. Also wenn du auf der Straße wo und dann kommst du auch gar nicht in dein Haus rein, ohne durch ein anderes Land gegangen zu sein. Im Prinzip. Du könntest nicht hinfahren, glaub ich.

[00:02:28]

Also wenn du zu Fuß gingst, an der einen Ecke rum über einen Bürgersteig, dann geh jetzt. Aber wenn du schon auf die andere Seite zum Supermarkt willst, dann bist du schon im fremden Land. Okay. Also Grenze schwierig? Absolut. Aber das war natürlich auch lange Zeit so und es könnte eben nach einem EU-Austritt auch wieder so sein. Ich hab da mit verschiedenen Menschen in dem Ort gesprochen, die wissen, wie es war und wie es dann eben auch wieder sein könnte.

[00:02:49]

Eine von ihnen ist Rosi Twente. Sie lebt dort in Suder weg, wenige hundert Meter von der niederländischen Grenze entfernt. Und sie erinnert sich noch, wie es früher war.

[00:02:57]

Das war natürlich dann schon lästig, wenn man Verwandtschaft oder Freunde hatte. Auf der anderen Seite der Grenze, wo eine Hochzeit oder vielleicht auch irgendeine Geburtstagsfeier mal veranstaltet wurde und man dann halt vor 12 zusehen sollte, dass man wieder zurück nach Hause kam.

[00:03:11]

Party ist natürlich das eine Alltag, aber das andere. Ich habe zum Beispiel mit einem gesprochen, der genau an dieser Straße, an dem Hellweg wohnt, also die, die den, die die Grenze bildet, da. Und wenn es wieder ein Grenzzaun gäbe, dann wäre das nämlich genau so einer, der nicht mehr mit dem Auto einfach zu seinem Haus fahren könnte, weil dann wäre in den Niederlanden aber der darf ganz pragmatisch gesehen. Er hat gesagt Ach, wenn zu kommt kein Problem, dann fahr ich einfach von hinten auf mein Grundstück und ich könnte zu meiner Haustür ja dann irgendwie noch zu Fuß laufen.

[00:03:39]

Also der Park dann im Garten oder so, vielleicht mache ich da noch einen Parkplatz hin. Aber man muss schon sagen, die sind da ziemlich zusammengewachsen. Es gibt zum Beispiel Ortsschilder, die sind dann halb im deutschen schwarz gelben Design und halb im Niederländischen. Das ist blau weiß. Und dann ist eben aus den Orten, aus dem Dörfern im Prinzip Dings, Pavlov und Suhler Weg ein Dings per Vick geworden. Auch als Ortsschild die perfekte Symbiose. Absolut. Und Rosi tönte, die wir schon gehört haben, gesagt Natürlich würde sich mein Alltag mit so einer Grenze ändern, wenn Deutschland die EU verlässt.

[00:04:13]

Dann mal eben schnell rüberfahren in die Niederlande und ein paar Kiplings auf dem Markt essen oder günstiger. Was ist nochmal Keimlinge? Das ist so im Prinzip Backfisch, der klein geschnitten ist. Wirfst du in die Friteuse, kriegst du überall. In Holland ist man natürlich ganz gerne, nicht nur im Grenzgebiet, auch wenn du deinen Urlaub hinfährt z.B. aber Obst beispielsweise ist auch günstiger in den Niederlanden. Kaffee, Schoko, Streusel all das kauft sie da eigentlich und sagte, mit Gränze würde das nicht mehr so leicht funktionieren.

[00:04:41]

Es wäre natürlich sehr lästig, wahrscheinlich wieder bestimmte Zollgrenzen zu beachten sind. Zollkontrollen wären natürlich dann wahrscheinlich wieder vonnöten und dann würde der Handel erschwert werden zwischen den deutschen und niederländischen Betrieben. Viele Leute pendeln ja auch zur Arbeit hin und her über die Grenze.

[00:04:59]

Das ist dann natürlich alles wieder viel komplizierter und sie bräuchten auch wieder zwei Portemonnaies, natürlich. Also wenn dann auch letztlich die Währung sich ändern sollte und die Deutschen zur D-Mark zurückkehren sollten, dann wären dann natürlich wieder zwei Portemonnaies vonnöten.

[00:05:16]

Also es wäre vor allen Dingen lästig rübergekommen, oder? Vieles wäre lästig. Also Rosi hätte wieder zwei Portemonnaies, weil wenn Deutschland aus der EU austritt, heißt das auch kein Euro mehr. Deutschland hat wieder eine eigene Währung. Die D-Mark zum Beispiel. Genau. Rein theoretisch könnte Deutschland wohl auch. Wie den Euro behalten, wenn es mit der EU ein Sonder Deal aushandeln würde? Aber wir haben ja gesagt, in unserem Szenario gehen wir davon nicht aus. Bei uns bedeutet das, wir treten aus der EU aus und damit auch aus dem Euro.

[00:05:45]

Was das dann bedeutet, das habe ich versucht mit einem Wirtschaftswissenschaftler durchzuspielen. Der beschäftigt sich intensiv mit der europäischen Wirtschaft und sagt über unser Szenario. Mal angenommen, Deutschland tritt aus der EU aus. Das klingt für ihn nach einem Desaster.

[00:06:01]

Das ist Friedrich Heinemann, der ist Professor am Leibniz Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. Mit ihm habe ich unser Szenario durchgespielt.

[00:06:10]

Und das bedeutet ja auch Wir haben wieder die gute alte D-Mark. Die Älteren erinnern sich vielleicht genau das wünschen sich ja durchaus auch einige. Da ist ja auch viel Nostalgie dabei. Die einen blicken nostalgisch auf die Mark zurück, andere sind inzwischen längst überzeugte Euro Fans. Wenn wir auf die wirtschaftliche Diskussion gucken, dann gibt es da auch viele eurokritische Stimmen. Auch inwiefern das der deutschen Wirtschaft und den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern schadet. Das ist aber nochmal ein Szenario für sich.

[00:06:37]

Also mal angenommen, Deutschland steigt aus dem Euro aus. Das können wir in dieser Folge nicht komplett auch noch quasi nebenbei durchspielen. Deshalb ist das hier am Ende auch keine Rechnung, wo wir dann einen Strich drunter machen können und sagen Jo, genauso wird's. Dafür ist diese Rechnung ja auch viel zu komplex. Absolut. Aber so ganz ohne über den Euro-Ausstieg zu reden, kommen wir auch in diesem Szenario nicht aus. Deswegen habe ich Professor Heinemann gefragt, was passieren könnte, wenn Deutschland aus dem Euro aussteigt.

[00:07:05]

Deutschland hat ein Image für eine stabile Währung und die D-Mark geht durch die Decke. Das ist nur die Frage, ob wir uns da wirklich so freuen, wenn die D-Mark durch die Decke geht. Weil dann sind die ganzen Exportunternehmen, die wir so haben von Fahrzeugbau über Maschinenbau bis Elektrotechnik Chemie, sind eigentlich über Nacht, haben ein riesiges Kostenproblem, weil sie halt aus der ausländischen Perspektive sehr, sehr teuer geworden sind, mit einer Währung, die so stark aufwertet. Das heißt, viele Arbeitsplätze wären durch Aufwertung Schock gefährdet.

[00:07:32]

Aufwertungsdruck, das heißt die neue Währung, also die neue Mark, die ist stärker als der Euro. Das klingt erst einmal toll. Das kann aber auch ziemliche Nachteile haben. Sehr vereinfacht gesagt wird es dazu führen, dass deutsche Produkte im Ausland viel teurer werden. Und da ist die Frage Kaufen denn die Menschen im Ausland deutsche Produkte noch so sehr? Also das ist das eine große Problem für die Wirtschaft. Zumal wir ja auch einen Großteil dessen, was wir produzieren, ins Ausland verkaufen.

[00:07:58]

Und Professor Heinemann sagt Es gibt auch noch ein zweites großes Problem.

[00:08:02]

Klar ist aber, dass ausländische Waren tendenziell wieder teurer werden als inländische Waren, weil wir auch damit rechnen müssen, dass es an den Grenzen wieder Zölle gibt. Denn die Tatsache, dass wir völlig ohne Zölle und Handels Barrieren innerhalb der Europäischen Union Handel treiben können, ist ja der Europäischen Union und dem Binnenmarkt zu verdanken. Und wenn wir rausgehen, ist das Geschichte. Und dann werden wir eben den Handel mit Frankreich oder mit Italien mit Zöllen belegen müssen. Das heißt, dann kostet eben der italienische Wein tendenziell mehr als der Wein von der Mosel oder aus der Pfalz, weil da ein bestimmter Zoll drauf liegt.

[00:08:36]

Also wir werden wieder ein Stück weit weniger international konsumieren, sprich der Serrano Schinken, der Parmesan oder ein schöner Bordeaux. Das könnte ich mir vielleicht dann nur noch als Luxusprodukt leisten.

[00:08:49]

Ja, Luxus nicht, denn die Zölle, die würden ja nicht ins Unermessliche wachsen, aber die wären relativ teurer. Sie würden vielleicht ja. Was sind gängige Zölle? 10 20 prozent mehr kosten, als das bisher der Fall ist. Und das würde ich noch nicht als Luxusprodukt bezeichnen. Aber es macht das natürlich weniger attraktiv.

[00:09:06]

Das reißt aber schon im Zweifel ein Loch in meiner Haushaltskasse. Ja, das ist sowieso der große große Konsens aller Analysen. Das können Sie jetzt beim Weinfest machen. Wir würden natürlich ärmer werden, denn unsere Unternehmen, der ganze Wohlstand, der hängt ja vor allem daran, dass deutsche Unternehmen auf dem europäischen Binnenmarkt auch so erfolgreich sind, dass wir hier exportieren, aber auch importieren. Und wenn wir jetzt aus der Europäischen Union austreten, werden wir überall wieder Grenzen mit Zöllen haben.

[00:09:34]

Erst einmal Man kann wieder versuchen, die wegzufahren. Dann aber erst einmal sind die da. Und das wird ganz klar unseren Wohlstand einschränken. Wir werden jetzt nicht verarmen in dem Sinne, aber seriöse Schätzungen sagen doch Das wird uns auf Dauer sichern. Wohlstandsverlust mal in einer Größenordnung von fünf bis zehn Prozent bringen. Wenn wir aus dem Binnenmarkt ausscheiden und überall wieder Zollschranken errichten.

[00:09:54]

Okay, also bei mir ist jetzt hängengeblieben. Wir müssen mehr Wein von Herrn Berufsehre trägt. Der entscheidende Punkt Es ist ein Problem. Ach, ich trinke gerne deutschen Weißwein. Ich hätte damit kein Problem. Ich glaube, ich würde tatsächlich nochmal ein paar Kartons aus Frankreich oder Südtirol oder so bestellen.

[00:10:10]

Aber jetzt mal Wein hin oder her. Die deutsche Wirtschaft, die würde ja unter einem Ausstieg aus der EU leiden, sagt er zumindest. Andererseits könnte man doch auch sagen Deutschland ist die größte Volkswirtschaft in der EU. Wir gehören zu denen, die am meisten an die EU zahlen. Das Geld würden wir doch dann sparen. Ja, das. Ja, das ist so. Das sagt auch Professor Heinemann. Der sagt aber auch Man muss bei der Rechnung. Hinschauen. Deutschland zahlt mehr in den europäischen Haushalt ein, als es zurückerlangt und das ist jetzt die Frage, ob wir denken, das Geld ist schlecht angelegt oder gut angelegt.

[00:10:45]

Man muss ja fragen Was finanzieren wir mit diesen Beiträgen? Wir finanzieren zum Beispiel, dass die Europäische Union die Grenzen sichert. Wir finanzieren, das die Europäische Union international Entwicklungshilfe leistet. Wir helfen auch etwa, den osteuropäischen Staaten aufzuholen und sich schneller zu modernisieren, als sie das aus eigenen Stücken könnten, sodass wir denen wieder unsere Waren verkaufen können, dass wir den wieder unsere Waren verkaufen können.

[00:11:10]

Aber dass wir auch insgesamt in Europa am Ende stabile Bedingungen haben. Und natürlich. Ich finde das sehr kurzsichtig zu sagen Das ist Geld, was wir zahlen, von dem wir nichts haben, sondern eigentlich sind das zum Teil auch einfach Investitionen, von denen wir doch auf lange Sicht sehr viele haben, nämlich einen Kontinent, eine Wirtschaftszone um uns herum, der ist doch am Ende sehr gut geht. Und in Osteuropa geht die Rechnung vollkommen auf. Das sind Länder, die sind auf einer sehr stabilen Entwicklung.

[00:11:35]

Wenn Sie heute sich den Handel Deutschlands mit Polen anschauen, dann ist das ein boomender Handeln, von dem beide Seiten kräftig profitieren. Also von daher das mit den Nettozahlungen ist doch eine Milchmädchenrechnung am Ende des Tages, also aus Ihrer Sicht gut angelegtes Geld.

[00:11:49]

Ja, nicht jeder einzelne Euro. Also ich bin schon auch ein Kritiker von EU-Programme. Wir verschwenden auch in Brüssel immer noch viel Geld für die falschen Dinge. Aber man darf dann nicht alles über einen Kamm scheren. Da wird auch sehr viel Geld sehr sinnvoll ausgegeben.

[00:12:02]

Also aus seiner Sicht lohnt sich. Ja, aber er sagt auch selbst wenn Deutschland die EU verlässt, dann geht davon die Welt nicht unter. Es ist halt immer nur eine Frage, was das dann für Konsequenzen hat.

[00:12:19]

Deutschland tritt aus der EU aus. Das heißt ja auch, dass Menschen aus anderen EU-Ländern nicht mehr so einfach zu uns kommen können, um hier zu arbeiten. Die sogenannte Freizügigkeit, die gäbe es da nicht mehr. Und was bedeutet das? Hätten wir dann ein Problem, weil Arbeitskräfte fehlen? Ich habe darüber mit Ehsan Valli Saada gesprochen. Der ist Volkswirt am Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung und erheben die Zahlen und Forschen für die Bundesagentur für Arbeit. Und er hat sich das genauer angeschaut.

[00:12:45]

In welchen Bereichen es dann eng werden würde.

[00:12:47]

Der Erntehelfer wird uns fehlen, der Welt und uns. Natürlich auch die Facharbeiter in handwerklichen Berufen, fehlende Dachdecker, der Monteur, der Installateur, aber auch natürlich in Dienstleistungsbranchen wie Hotel oder Gastgewerbe werden auch viele Fachkräfte uns fehlen.

[00:13:05]

Langfristig betrachtet und wir haben ja schon gesehen, während der ersten Coruña Phase, was es bedeutet, wenn beispielsweise Erntehelfer fehlen und er sagt Uns fehlen dann im Prinzip in sehr vielen Bereichen Arbeitskräfte, also etwa die Hälfte aller Zugewanderten aus der EU. Das sind Fachkräfte, 9% Experten und natürlich auch viele, die z.B. im Supermarkt Regale einräumen, Pakete ausliefern. Da würden einfach sehr viele Menschen, die hier arbeiten, fehlen. Und das Problem, das wird sich ja nicht von alleine lösen.

[00:13:31]

Stichwort demographischer Wandel. Ja, das verschärft das Problem ja sogar noch. Also die Menschen werden älter, das heißt, es gibt insgesamt weniger, die arbeiten können. Und Ehsan Palisade sagt, ganz ohne Migration würden uns bis 2050 40 Prozent an Arbeitskräften fehlen. Da reden wir dann aber nicht nur über Arbeitskräfte, die aus der EU zu uns kommen, sondern aus der ganzen Welt. Ja, genau. Aber die EU macht einen großen Anteil aus. Also die Hälfte aller Zugewanderten 2009/10 kamen aus EU-Ländern.

[00:14:00]

Und letztlich reicht jetzt schon der Zuzug nicht, um den demografischen Wandel auszugleichen. Heißt Wenn wir jetzt in unserem Szenario sind und Deutschland aus der EU austritt, dann wird es noch schwieriger. Ja, Arbeitskräfte zu finden. Also ist das Argument, wir sollten austreten, weil die uns die Arbeitsplätze wegnehmen, nicht haltbar?

[00:14:19]

Nein, weil wir hätten ja selbst nicht genügend Arbeitskräfte. Und um die weiterhin aus dem Ausland zu kriegen, müsste man dann ein System schaffen, wie man Arbeitskräfte aus dem Ausland anzieht. Also zum Beispiel ein Punktesystem, wie es das in Australien gibt. Oder wir müssten so eine Art Greencard, wie wir die aus Amerika kennen, erfinden. Ja, im Prinzip sowas, ja. Und klar könnte man dann auch argumentieren So können wir gezielter nach den Arbeitskräften suchen, die wir brauchen.

[00:14:46]

Man muss aber vielleicht auch nochmal dazusagen Mit Asylrecht hat das nichts zu tun. Das ist nochmal was ganz anderes. Da geht aber ja gerne auch schon mal etwas durcheinander. Was man auch immer wieder hört ist Wenn Deutschland aus der EU austritt, dann können Menschen aus dem Ausland nicht mehr so leicht Sozialleistungen hier nutzen.

[00:15:02]

Ja, ich habe Ehsan, weil die SÃhne gefragt, was da eigentlich dran ist an dem Argument Es gibt keine belastbaren Daten, dass Menschen aus anderen europäischen Ländern massenweise nach Deutschland kommen und die Sozialsysteme in Deutschland ausbeuten. Wir sehen, dass die meisten hier in Deutschland beschäftigt sind. Das heißt, sie zahlen Beiträge, zahlen Steuern und somit leisten die ja einen großen Beitrag zum Arbeitsmarkt, aber auch zu gesamtdeutscher Wirtschaft.

[00:15:30]

Interessant fand ich übrigens gerade viele Migranten aus Bulgarien und Rumänien sind Arbeiter tätig, haben Jobs, im Durchschnitt sogar mehr als EU-Migranten insgesamt. Allerdings gibt es auch vergleichsweise viele Menschen aus Rumänien und Bulgarien, die hier Hartz IV beziehen. Ivan Palisade hat mir erklärt Das liegt aber vor allem daran, dass sie häufiger einen befristeten Jobs sind im Niedriglohnsektor, wo man gerade in der Krise auch schneller seinen Job verlieren kann. Also man kann auch nicht sagen, die Sozialsysteme werden entlastet, wenn Deutschland aus der EU austritt und keine EU-Migranten mehr kommen.

[00:16:02]

Es gab aber doch auch immer wieder die Debatte z.B. übers Kindergeld. Also diesen Vorwurf Menschen kommen nach Deutschland, beantragen hier Hartz IV und Kindergeld und das Geld fließt dann ins Ausland, wo die Kinder leben. Oder vielleicht gibt's die Kinder auch gar nicht. Das war immer so ein Vorwurf. Ja, also grundsätzlich ist es so EU Migranten haben Anspruch auf Kindergeld, auch wenn die Kinder nicht in Deutschland leben. Und das gilt auch, wenn die Person arbeitslos ist.

[00:16:26]

Und in den letzten Jahren wurde auch deutlich mehr Kindergeld ins EU-Ausland überwiesen. Das liegt aber vor allem daran, dass einfach mehr Menschen aus anderen EU-Ländern bei uns arbeiten, vor allem in den Grenzgebieten. Da pendeln auch sehr viele, dass das missbraucht wird, z.B. das Kindergeld beantragt wird für Kinder, die es gar nicht gibt. Solche Fälle gibt's aber, dass es da systematischen Missbrauch gäbe, also dass das in sehr vielen Fällen vorkommen würde, das könne man nicht sagen, meint Ehsan Palisade.

[00:16:59]

Jetzt haben wir uns angeschaut, wie lässt sich das vielleicht für den Alltag der Menschen wäre, wenn wir nicht mehr in der EU wären, die Grenzen wieder dicht werden. Alleine an der Grenze zwischen dem Saarland, Rheinland-Pfalz, Luxemburg und Frankreich sind es rund 250 000 Menschen, die da jeden Tag über die Grenze pendeln. Wir haben uns auch angeguckt, welche Folgen das für die Wirtschaft haben könnte und was es für den Arbeitsmarkt bedeuten könnte. Aber Europa ist ja mehr als all das.

[00:17:24]

Europa ist für mich noch immer zuallererst ein Friedensprojekt. Das ist Jana Pilgerin, Politikwissenschaftlerin, und sie leitet das Berliner Büro des European Council on Foreign Relations. Und was Europa bedeuten kann, das hat sie schon als Studentin erlebt. Ich war Anfang zwanzig und habe Erasmus gemacht in Italien damals. Und ich kam gerade in Venedig an und hatte das neue Geld in der Tasche. Und das war schon ein besonderes Gefühl. Erasmus zu machen, mit lauter anderen Europäern diese Stadt zu erkunden und dabei mit dem Euro bezahlen zu können.

[00:17:53]

Also ich muss echt schon in meinem Gedächtnis ein bisschen kramen, um mich daran zu erinnern, wie es vorher war. Also wenn man jetzt weiß ich nicht in Spanien in Urlaub gefahren ist, ist klar, dass man ein paar Peseten um gewechselt hat. Aber wenn man mit einem Auto durch Frankreich gefahren ist und da ich habe keine Frauen, aber jetzt kann ich mir ja nichts kaufen. Aber in Österreich, wo man immer so mal drei durch sieben mal durch drei Rogosin wechselt gewechselt habe.

[00:18:12]

Es gab noch. Es gab noch keine Smartphones, die uns geholfen haben, das umzurechnen. Aber man muss ja sagen, den Euro, den haben wir zwar schon ein paar Jahre, aber die europäische Idee, die ist wesentlich älter. Und Deutschland hat da von Beginn an nach dem Zweiten Weltkrieg eine zentrale Rolle gespielt. Jana Polisario sagt Deutschland ist im Prinzip die Spinne im Netz. Mittendrin, sehr einflussreich, gut vernetzt. Was würde es bedeuten, wenn Deutschland aus der EU austreten würde?

[00:18:39]

Also ich glaube, das würde die EU vor ein fundamentales Problem stürzen. Eigentlich vor eine Existenzfrage, weil wenn wir mal bei dem Bild bleiben, der Spinne im Netz, wenn eben quasi das Element fehlt, was dieses Netz zusammenhält, dann ist die ganze Stabilität infrage gestellt. Ich glaube, dass die EU jedenfalls in der heutigen Form einen Austritt Deutschlands auch nur aus der Eurozone nicht überleben würde.

[00:18:59]

Und wie sieht es dann aus mit der Rolle Deutschlands in der Welt? Haben wir dann platt gesagt überhaupt noch was zu sagen?

[00:19:06]

Also ich bin der Meinung, dass wir unsere eigene Rolle, unsere Macht, unseren Einfluss durch die EU vergrößern können. Denken Sie mal an die großen Handelsabkommen, die die Europäische Kommission im Namen der Mitgliedsstaaten geschlossen hat, zum Beispiel mit Japan oder jetzt ein Abkommen mit China. Das heißt, nicht jedes Land muss alleine mit China verhandeln, sondern man macht das im Konzert. Das heißt, man bringt all seine Kraft und seine Macht zusammen. Und natürlich selbst das große Deutschland ist gegenüber einem Land wie China ein Winzling und hat ungleich weniger Einfluss.

[00:19:37]

Ganz alleine. Und deswegen glaube ich, dass die EU dazu da ist, dass die europäischen Mitgliedsstaaten auf der Weltbühne mehr Gewicht haben.

[00:19:45]

Europa ist ja auch ein Friedensprojekt. Wäre dieser Frieden gefährdet, wenn Deutschland aus der EU austreten würde? Schließlich dann Deutschland ja häufig auch im Zentrum der Kriege und Konflikte.

[00:19:56]

Würden da alte Ängste wieder hochkommen, als Deutschland wiedervereinigt wurde? Da hatten viele Nachbarn ganz laut, haben das damals Großbritannien und Frankreich auch geäußert. Viele Nachbarn hatten Angst vor diesem großen Koloss, der in der Mitte Europas jetzt wieder erstarkt und entsteht und durch die Europäische Union. Durch diesen Integrationsprozess wurde Deutschland im Prinzip gezähmt. Also Nachbarn wie Polen oder Frankreich haben heute weniger Angst vor einem überstarken Deutschland, weil wir eben fest eingebunden sind in dieses Gleichgewicht oder in dieses Konzert von Mitgliedsstaaten.

[00:20:33]

Wir werden ausbalanciert, unsere Macht wird sozusagen eingebunden. Und ich glaube, dass wenn Deutschland austreten würde aus der Europäischen Union, viele Nachbarn wieder Bedenken hätten, weil wir einfach das größte und einflussreichste und mächtigste Land in der Europäischen Union sind. Und weil man darf eben nicht vergessen, dass von deutschem Boden nun einmal die letzten beiden Weltkriege ausgegangen sind und man quasi in die Geschichte zurückblickt, ist die Zeitspanne, dass wir von Freunden umzingelt sind und dass das alles so friedlich abläuft, noch gar nicht so lange her.

[00:21:03]

Aber auch Jana Polymeren sagt Es ist nicht alles perfekt in der EU. Also da gibt's viel, was man ändern könnte. Zum Beispiel, dass man ein Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten zulassen müsste, also dass nicht immer alle Länder gleich bei allen Entwicklungen in der EU mitziehen müssen, die sofort umsetzen müssen, sondern dass man da eben unterschiedliche Geschwindigkeiten zulässt. Also ein paar, die schneller machen, Partys langsamer machen. Genau. Es gibt aber auch ganz andere Stimmen, die ja genau das Gegenteil fordern.

[00:21:28]

Die sagen, wir brauchen so eine Art Vereinigte Staaten von Europa.

[00:21:32]

Ja. Aber all das wäre noch Stoff für eine eigene Podcastfolge. Mindest Absolut.

[00:21:42]

Wir haben viel gehört, was es bedeuten könnte, wenn Deutschland aus der EU austritt. Aber wir konnten natürlich nicht alle Aspekte berücksichtigen.

[00:21:50]

Wir haben z.B. nicht über das Thema Außengrenzen gesprochen, über Kriminalität, über die Grenzen hinweg, auch nicht darüber, was das für die politische Dimension bedeuten würde, wenn es keine Gesetze mehr aus Brüssel gibt. Und wenn deutsche Politiker und Politikerinnen da nicht mehr mit am Tisch sitzen.

[00:22:07]

Wir haben auch nicht über die Glühbirne gesprochen und warum viele von uns jetzt Energiesparlampen zu Hause haben oder über Roaming. Warum wir uns keine Gedanken mehr machen müssen, wenn wir im europäischen Ausland unterwegs sind. Wie sinnvoll oder wie unnötig manche Auflagen aus der EU sind. Auch hier gibt's Potenzial für mindestens eine weitere Folge.

[00:22:27]

Aber lasst uns doch mal die Bereiche nehmen, die wir uns angesehen haben. Also was würde es bedeuten für unseren Alltag, für die Wirtschaft, für Jobs und für die große Idee, für die Europa steht?

[00:22:38]

Wenn Deutschland die EU verlässt, dann könnte das folgende Auswirkungen haben Die Grenzen zu allen Nachbarländern sind wieder dicht. Wer ein oder ausreisen will, wird an der Grenze kontrolliert. Der Alltag der Menschen ändert sich für viele. Im Grenzgebiet wird zum Beispiel das Pendeln zur Arbeit im Nachbarland wieder aufwendiger und die D-Mark wird wieder eingeführt. Eine starke Währung, das macht es schwierig, deutsche Produkte ins Ausland zu verkaufen, denn dort sind sie jetzt teurer. Und das liegt auch an den Zöllen, die es jetzt wieder gibt.

[00:23:09]

Die führen auch dazu, dass ausländische Produkte in Deutschland teurer werden, z.B. der Rotwein aus Italien oder der Gouda aus den Niederlanden. Weil Menschen aus dem europäischen Ausland nicht mehr so einfach bei uns arbeiten können. Werden viele Jobs nicht mehr besetzt. Und wenn Deutschland nicht mehr der zentrale Player in der EU ist, dann droht die EU zu zerfallen. So, das wäre ein mögliches Szenario, wie es laufen kann. Aber dieses Thema bietet Stoff für viele weitere Folgen.

[00:23:37]

Es war auf jeden Fall ein Thema, das wurde so häufig gewünscht wie kein anderes. Und bitte schickt uns auch weiterhin eure Themenvorschläge, eure Kritik, euer Feedback gelesen, alles immer gerne mal angenommen. Tagesschau.de: Das war es für diese Woche von uns. Nächste Woche gibt's eine neue Folge. Bis dahin macht es gut. Thy ist.