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Mal angenommen, alle Obdachlosen kriegen eine Wohnung. Schaffen sie es dann wieder in ein normales Leben? Und würde das für den Staat teurer?

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Mein Name ist Christin Becker Hi, ich bin Masser Eberlein. Wir sind Teil des Teams des ARD-Hauptstadtstudio. Und jede Woche spielen wir hier im Podcast ein Zukunftsszenario durch. Heute schauen wir uns an, was wäre, wenn keine Obdachlosen mehr auf der Straße leben müssten, sondern jeder und jeder bekäme eine eigene Wohnung und zwar ohne Bedingungen.

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Housing First heißt das Konzept. Das kommt ursprünglich aus den USA und da geht es vor allem darum, dass Menschen, die obdachlos sind, vor allem anderen, also vor allen anderen Hilfsangeboten, erst einmal mit einer Wohnung versorgt werden. Und wenn das auch bei uns in Deutschland flächendeckend Realität wäre, dann könnte die Tagesschau in der Zukunft vielleicht so klingen.

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In Deutschland ist die Zahl der Obdachlosen auf rund 100 gefallen. Das hat die bundesweite Zählung ergeben. Kommunen und Hilfsorganisationen konnten den meisten ehemaligen Obdachlosen eine eigene Wohnung vermitteln. Deutschland hat das vor 20 Jahren zur zentralen Strategie in der Wohnungslosenhilfe erklärt.

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Seitdem haben viele der Menschen, die früher auf der Straße gelebt haben, einen Job gefunden und Suchterkrankungen überwunden.

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Das ist jetzt natürlich ein sehr positives Szenario. Die Frage ist Könnte das echt so kommen, wenn jede und jeder Obdachlose eine Wohnung kriegt? Das wollen wir uns heute mal anschauen.

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Ja, da haben wir uns gedacht, am besten machen wir das zuerst einmal mit jemandem, für den das Ganze kein Zukunftsszenario ist, sondern Gegenwart.

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Ja, Martini Hallo Frau Martini Marcel, hier ballern hier vom Tagesschau Podcast. Danke für Ihre Zeit, dass Sie auch mit mir reden wollen, obwohl wir uns ja gar nicht von Angesicht zu Angesicht sehen, sondern nur telefonieren.

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Tja, das ist himmelweit Coruña Pandemie.

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Und dass Sandra Martini ist, dass die 53 Jahre alt wohnt in Düsseldorf und hat lange dort auf der Straße gelebt. Seit fünf Jahren hat sie jetzt eine eigene Wohnung und eine eigene Wohnung. Das trifft es eigentlich gar nicht, denn für sie ist das sehr viel mehr. Sie kommt richtig ins Schwärmen, als sie mir z.B. erzählt hat, wie das so war, als sie zum ersten Mal in diese neue Wohnung reingegangen ist und die Tür zugemacht hat.

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Das war wirklich unwirklich, weil ich hab gedacht, sozusagen, ich wache gleich auf und das nur ein schöner Traum. Na, was gefällt Ihnen denn am besten an Ihrer Wohnung am besten?

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Da sehe ich mein eigenes Reich. Hab ich machen kann, was ich will. Da ich dann nach Hause kommen kann, wann ich will und nicht irgendwie Betrunkene um mich rum habe und halt eben mein eigenes Leben führen können.

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Sie hat ja teilweise vorher ganz auf der Straße gelebt, jahrelang dann in Übergangswohnheim gewohnt für Obdachlose mit Gemeinschafts Klos, Gemeinschaftsküche, wie das oft so ist, dort auch mit strengen Regeln. Also es gibt eine bestimmte Zeit, an der man abends zurück sein muss und es gibt auch die Regel keine Gewalt, zumindest in der Theorie.

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Ich hatte so eine nette Nachbarin, für die war Guten Morgen, sagen Sie erst Gas ins Auge zu sprühen.

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Und einmal musste ich kurz in mein Zimmer und dann komme ich zurück. Und dann habe ich festgestellt, wieso schäumten mal Nudel war. Also Gott sei Dank waren die Nudeln noch nicht grün. Hat die mir da Spülmittel in Sude Wasser reingetan?

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Das klingt nach keinem schönen Leben zuhause.

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Nein, das war auch kein Zuhause. Also es war einfach nur. Ja, ich habe einen Ort, wo ich mein Bett habe. Du hast ja auch in dem Moment, wo du im städtischen Obdach bist, keinen festen Mietvertrag. Wenn die sozusagen sagen, wir lösen jetzt die weibliche WG auf, das ist mir auch passiert und wandeln sie wieder um eine Männer WG. Dann hast du deine Sachen zu packen und umzuziehen.

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Wie lange haben sie denn da gewohnt? Neun Jahre? Okay. Es wäre ja auch gar nicht möglich gewesen, eine Wohnung zu kriegen, weil zu der Zeit. Es ist so Wenn man sozusagen psychisch krank ist und Angst vor Behörden hat, dann kann man nicht wie da sozusagen sich eine Wohnung suchen.

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Das ist ja mit der Wohnungssuche, selbst wenn du nicht die ganzen Probleme hast, eh schwierig. Der Wohnungsmarkt ist an vielen Stellen super eng. Auch in Berlin. Ich schätze mal, in Düsseldorf auch. Und Vermieter Vermieterin suchen sich dann ja nicht unbedingt jemanden aus, der vielleicht jetzt auch noch so eine Geschichte hat.

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Bei Sandra Martini kommt jetzt auch noch dazu, dass sie spielsüchtig ist. Also bevor sie ihre Wohnung hatte, hat sie sich, um ihre Sucht zu finanzieren, monatelang mit Männern eingelassen, mit sogenannten Wohnungs Freiern. Also sie hat sich prostituiert. Einerseits für das Geld zum Spielen und andererseits für ein Dach über dem Kopf.

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Also eine echt heftige Situation für Sie.

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Total. Immerhin. Diese Angst, nicht zu wissen, wo man die nächste Nacht schläft, die ist jetzt natürlich weg. Seit sie diese Wohnung hat, dieser permanente Stress der Straße. Sie hat da jetzt so einen Rückzugsort. Und für sie haben sich auch ganz praktische Dinge verändert, hat sie mir erzählt. Sowas wie sie kann kochen, wann immer sie will. Sie kann auf der Toilette sitzen, solange sie will und sie hat auch einen eigenen Briefkasten.

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Postalische Adresse hat man ja immer. Aber es ist schon anders, wenn man seinen Briefkasten aufmacht und dann sozusagen sagt Das ist meine Post. T Ich habe wo jetzt Post gekriegt. Toll, das kann ich total nachvollziehen.

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Ich gehe ja auch jeden Tag zum Briefkasten, um zu schauen, ob du Geburtstags poullain, aber ob dieser eine wichtige schöne Brief da drin ist.

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Und na gut, meistens ist entweder gar nichts drin oder nur so ein Behoerden schreiben.

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Aber gut, naja, was ich bei ihr noch spannend fand ist, dass sie auch wieder wählen geht jetzt seit sie in der Wohnung hat. Also sie macht das per Briefwahl. Sie geht da nicht persönlich hin. Da verbindet sie viele Ängste mit. Aber sie nimmt an Wahlen teilen. Das hat sie vorher nicht gemacht.

[00:06:29]

Also sprich sie fühlt sich auch wieder viel mehr als Teil der Gesellschaft.

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Und auch sozial hat sich viel für sie verändert, bevor sie die Wohnung bekommen hat. Da lief es mit ihrer Familie zum gar nicht gut.

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Meine Familie kommt aus mittelständischen, also sind größtenteils Beamte und Menschen, die studiert haben. Meine Mutter war chemisch technische Assistentin und halt eben, wenn jemand mal so abrutscht. Dann will die Familie natürlich auch nichts mehr wissen. Und nachdem sie dann die Wohnung bekommen hat, hat sie sich gleich wieder bei ihrem Onkel und ihrer Cousine gemeldet. Das erste Mal seit 30 Jahren haben sie sich dann wiedergetroffen und da hatte sie auch einen gewissen Stolz, denen das mitzuteilen. So, schaut her, ich hab wieder eine Wohnung, ich bin wieder Teil der Gesellschaft.

[00:07:21]

Das zeigt ja auch nochmal, wie sehr so eine Wohnung eben auch mal sozialen Status bedeutet.

[00:07:27]

Total. Und wie groß auch die Scham auf beiden Seiten ist, wenn diese Wohnung bei einem nicht mehr da ist. Also sowohl auf Seiten der Familie ist die Scham groß, dass jemand in der Familie so abgerutscht ist, als auch auf ihrer eigenen Seite, dass ihnen nicht zur Last fallen will. Und dass sie eben aber so abgerutscht, wie sie sagt, ist mir jetzt jenseits vom Privaten.

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Was hat sich denn da verändert? Hat sie jetzt einen Job?

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Ja, aber dann hatte sie ja auch vorher schon sie verkauft. Obdachlosenzeitung für fifty fifty. Das ist die Organisation, die ihr auch ihre Wohnung verschafft hat.

[00:07:59]

Okay, ich glaube, an der Stelle musst du jetzt mal nochmal ein bisschen genauer erklären, wie das denn funktioniert. Also da ist eine Organisation, die Obdachlosen hilft. Okay, aber die hat auch eben mal so Wohnungen verdient.

[00:08:12]

Ja. Fifty fifty. Es ist eine Hilfsorganisation, die einen sehr einzigartigen Weg gefunden hat, um Geld aufzutreiben. Die haben einen sehr guten Draht zu bekannten Künstlern, zu Gerhard Richter zum Beispiel. Und diese Künstler schenken fifty fifty regelmäßig ihre Kunstwerke damit. Fifty fifty, die dann verkaufen kann und von dem Geld und von Spenden kauft. Fifty fifty Wohnungen und gibt die dann an obdachlose Menschen.

[00:08:34]

Okay, das hast du mir ja in der Recherche schon erzählt. Ich finde das immer noch total abgefahren. Also ich meine Gerhard Richter, wahrscheinlich der größte lebende Künstler in Deutschland, der finanziert quasi Wohnungen für Obdachlose mit. Das ist schon schon ziemlich cool.

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Das sind gut 50 Wohnungen. Die Fifty fifty mittlerweile hat in verschiedenen Gegenden von Düsseldorf so eingestreut.

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Hier und da und dort leben jetzt eben ehemals obdachlose Menschen, also Leute, die früher zu den ganz harten Fällen gehörten.

[00:09:01]

Und das Besondere ist eben bei der Idee von Housing First, dass man die Menschen nicht versucht zu erziehen. Also sie können Hilfe bekommen bei der Jobsuche, beim Umgang mit Problemen, wenn sie danach fragen. Aber ihre Wohnung hängt nicht davon ab.

[00:09:16]

Das ist also sehr anders als das jetzt sagen wir mal typischerweise beim weil sie nicht Wohnen auf Probe ist. Also wo man sich erst mal beweisen muss, dass man wieder wohnen kann und dann vielleicht irgendwann mal perspektivisch eine Wohnung bekommt.

[00:09:29]

Genau. Also die Menschen bei fifty fifty in einem Housing First Projekt. Die zahlen Miete gegebenenfalls über Jobcenter, aber die müssen keinen Putzplan einhalten und die müssen auch keinen Entzug machen. Also die Menschen dort können zum Beispiel auch weitertrinken oder andere Drogen nehmen, wenn sie das wollen.

[00:09:45]

Wir kennen das schon, dass sie Drogen nehmen. Wir haben sie vielleicht auch schon mal mit einer Nadel im Arm gesehen. Für uns ist das ein Teil unserer Berufspraxis, diesen akzeptierenden Ansatz, wie es heißt, umzusetzen. Und gleichzeitig heißt es für uns in der Wohnung, dass einerseits aushalten zu müssen, dass sie vielleicht einen anderen Lebensentwurf haben als die Mehrheitsgesellschaft. Das heißt aber nicht, dass wir ihnen das Grundrecht auf Wohnen verwehren sollten.

[00:10:06]

Das ist Julia von. Die ist Sozialarbeiterin bei Fifty fifty und die kennt Sandra Martini schon ziemlich lange. Die hat mir auch den Kontakt zu ihr vermittelt. Und wie man gerade schon gehört hat, ist Julia von Lindern total überzeugt. Von der Idee von Housing First hat die auch da reingebracht. Bei Fifty fifty vor ein paar Jahren und setzt sie seitdem um.

[00:10:24]

Also bei Sandra Martini scheint das ja auch wirklich gut zu funktionieren. Aber man fragt sich natürlich dann auch gleich Ist sie da jetzt so ein Einzelfall in den gut 50 Wohnungen, die fifty fifty mittlerweile hat?

[00:10:34]

Da wohnen tatsächlich fast alle noch, die dort mal angefangen haben. Und wieviel sich dann verändert hat in dem Leben der jeweiligen Menschen. Das ist ja unterschiedlich, hat mir Julia von Ländern erzählt. Bei einigen ist viel beim Alten, die schlafen halt einfach in ihrer eigenen Wohnung. Aber sonst gehen sie raus, treffen dieselben Menschen, die sie vorher auch getroffen haben, trinken vielleicht auch weiter. Aber es gibt eben auch andere Beispiele.

[00:10:58]

Wir hatten einen Mieter, bei dem es kurz nach dem Einzug schon hieß Der ist gestorben. Das kann nicht sein. Wir sehen den gar nicht mehr. Der war 20 Jahre lang immer auf dem einen Platz und stadtweit total bekannt. Der ist dann eine Housing First Wohnung gezogen und hat sich dort quasi selbst entgiftet und ist für einen knapp 30 Flaschenbier auf Null gegangen und hat dann abstinent gelebt. Er hat keine Entgiftung und keine Therapie gemacht, sondern letztlich gewohnt. Und das ist etwas, was uns in den Jahren vorher nie gelungen wäre.

[00:11:25]

Und jemand anderes beispielsweise hat durch die Wohnung seine Jugendliebe wiedergetroffen und ist tatsächlich auch aus dieser Wohnung ausgezogen, mit seiner Freundin wieder zusammen und ist so ganz aus diesem Milieu der Straße raus. Und das sind wirklich tolle Erfahrungen, die uns auch in der Überzeugung stärken, dass ist der richtige Weg ist.

[00:11:44]

Also klingt definitiv positiv. Und trotzdem, wenn ich dann gleichzeitig höre, die Menschen dort können weiter Drogen nehmen, weiter trinken. Irgendwie hab ich da natürlich schon so auch Vorurteile in meinem Kopf, dass ich denke okay, wie sehen dann eigentlich diese Wohnungen? Sind die total zugemüllt? Das ist ja wahrscheinlich auch die Angst von vielen Vermietern. Hab ich auch Joya von Lndern zu gefragt und sie sagt es gibt Beispiele, wo die Wohnung voll steht mit Lernen, Bierflaschen und wo es auch Probleme mit Nachbarn gibt.

[00:12:13]

Aber sie sagt Das ist die absolute Minderheit.

[00:12:15]

Die Leute, die dort einziehen, die halten sich eher überkorrekt an die Hausregeln, weil sie eben Angst haben, dass sie wieder auf der Straße landen und sind sehr darauf bedacht, beispielsweise ihren Müll richtig zu trennen oder so. Das heißt, da haben wir eigentlich eher den umgekehrten Effekt, dass sie da ja sehr kooperativ und vorsichtig sind.

[00:12:38]

Bislang sind solche Projekte wie das in Düsseldorf ja eher noch die Ausnahme. Es gibt zwar was Ähnliches, z.B. in Berlin, auch im Saarland, aber in der Regel sieht es in Deutschland eher schlecht aus für Menschen, die auf der Straße leben und gerne wieder eine eigene Wohnung hätten.

[00:12:53]

Es fehlt an so einem breiteren politischen Willen, diesen Zustand nicht mehr zu akzeptieren. Dass Menschen überhaupt keinen Zugang haben zu Wohnraum. Dass wir dauernd über Notlösungen reden, über sonder Wohnformen, über Schlafsäcke, über Tiny Houses, über Dusch Busse, über Almosen, über alles Mögliche. Aber viel zu wenig darüber reden Wie kriegen wir wohnungslose Menschen in Wohnungen und wie können wir dadurch Wohnungslosigkeit wirklich reduzieren?

[00:13:21]

Das ist Volker Busch. Gerd Sema, der arbeitet für die Gesellschaft für Innovative Sozialforschung in Bremen und ist der Experte in Deutschland, vielleicht sogar in Europa für das Thema Housing First.

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Da wurde oft in unserer Recherche als der Papst bezeichnet.

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Er passt für dieses Thema. Der forscht auch schon seit mehr als 30 Jahren zum Thema Obdachlosigkeit bzw. Wohnungslosigkeit.

[00:13:42]

Aber er klingt jetzt in dem Ton, den wir gerade gehört haben, auch ziemlich frustriert.

[00:13:46]

Naja, frustriert es vielleicht ein bisschen zu hart, aber wenn man die Zahlen für Deutschland anschaut, ist es natürlich kein Wunder, dass er nicht zufrieden ist. Eine offizielle Statistik gibt es bisher nicht, aber die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe schätzt, dass so an die 700 000 Menschen in Deutschland wohnungslos sind. Also ich meine 700000 Menschen. Das ist mehr als Stuttgart Einwohner hat.

[00:14:08]

Und davon lebt ja aber nur ein kleiner Teil die ganze Zeit auf der Straße.

[00:14:12]

Das stimmt. Also da sind natürlich die Extremfälle, aber die Grenzen sind fließend.

[00:14:16]

Das haben wir auch bei Sandra Martini gesehen. Die war manchmal in der Unterkunft und manchmal draußen und dann wieder eine Unterkunft usw. Immer hin und her. Und dieses System mit den temporären Unterkünften, was wir in Deutschland so typischerweise haben, das ist übrigens ganz schön teuer. Also wenn man jetzt mal auf die Wohnheime schaut oder die Hostels, in denen Wohnungslose untergebracht werden, da war ich schon bei unserer Recherche ein bisschen überrascht, was das so kostet. Nur mal ein Beispiel Eine Stadt wie Berlin, die zahlt für so einen Platz in einer Notunterkunft schon mal so 30 40 Euro und zwar pro Person und pro Nacht.

[00:14:47]

Wenn man das mal hochrechnet auf den Monat, dann kommt man ja schon auf über 1000 Euro im Monat für eine Person, die so untergebracht ist. Und trotzdem hat der oder die Obdachlose da ja auch keinen festen Platz und auch keine sichere Perspektive dadurch.

[00:15:02]

Und es geht anders. Das sieht man an einem Land, das das viel besser hinkriegt als Deutschland. Und das sind jetzt nicht die USA, auch wenn Housing First dort erfunden wurde, sondern Finnland.

[00:15:13]

Genau da ist nämlich unser Szenario. Niemand ist mehr obdachlos, alle bekommen eine Wohnung schon fast komplett Realität. Die finden, die hatten vor etwa 30 Jahren 20000 Wohnungslose und jetzt sind es noch knapp 5 000. Also echt viel, viel weniger.

[00:15:29]

Erst einmal gibt es einen breiten gesellschaftlichen Konsens in Finnland, dass Wohnungslosigkeit ein Skandal ist, den man sich in so einem entwickelten Wohlfahrtsstaat nicht mehr leisten möchte.

[00:15:38]

Wie sieht es denn da aus? Nehmen Sie mich mal mit. Sieht man da tatsächlich keine Obdachlosen mehr?

[00:15:42]

Nun ist Finnland ja ein nordisches Land, in dem sowieso es nicht so einfach ist, im Freien zu übernachten. Da werden sie sowieso in diesen Zeiten auch sonst wenig Wohnungslose auf der Straße sehen. Aber ihr Land hat es eben geschafft, fast alle seine Gemeinschaftsunterkünfte und diese großen Unterkünfte für Langzeit Wohnungslose abzubauen und umzubauen in normale Wohnungen. Sie haben ja eine große Stiftung, die 1 000 Wohnungen inzwischen ihr Eigen nennt, die ausschließlich für Wohnungslose zur Verfügung sind. Und sie haben in 8 Jahren mehr als 5 000 Wohnungen im Rahmen dieser Programme geschaffen und zur Verfügung gestellt, zum Teil durch Kauf, zum Teil durch Bau, zum Teil durch Umbau gezielt für Wohnungslose, sodass eben da so ein Kontingent da ist, was wirklich für diesen Personenkreis exklusiv zur Verfügung steht.

[00:16:36]

Das klingt aber auch so, als hätten die Finnen ganz schön viel Geld. Aber man muss ja sehen, dass die Unterbringung von Wohnungslosen jetzt nicht billig ist, sondern zum Teil sehr teuer sein kann. Und man kann mit demselben Geld viel bessere Effekte erzielen, wenn man die Menschen im Rahmen des Hauses First Ansatzes in normale Wohnungen unterbringt und sie dort begleitet. Housing First ist keine billige Lösung, sondern das ist ja ein Angebot, dem auch Hilfen in durchaus erheblichem Umfang und Intensität angeboten werden.

[00:17:06]

Also man kann jetzt nicht sagen, die Finnen haben dadurch am Ende Geld gespart.

[00:17:10]

Die Finnen selber sagen, sie haben selber so Berechnungen aufgestellt, dass dadurch auch Geld gespart worden ist. Insbesondere das Geld soll vor allem gespart worden sein im Gesundheitssystem, im Gefängnissystem, Justizsystem. Aber das ist immer nicht so leicht, wenn Sie weniger Ambulanz Einsätze haben und weniger belegte Krankenhausbetten mit Wohnungslosen, die dort eingeliefert worden sind oder auch weniger Gefängnisaufenthalt. Dann wird ja dadurch kein Gefängnisse abgebaut und keine Kranken. Reduziert Also es gibt solche Berechnungen, aber ich würde viel mehr in die Richtung argumentieren.

[00:17:44]

Es wird viel ausgegeben zur Verwaltung von Wohnungslosigkeit. Wenn man dasselbe Geld ausgibt, um Wohnungslosigkeit zu reduzieren, dann hat man viel bessere Effekte.

[00:17:54]

Kriegt denn da automatisch jeder eine Wohnung? Da gibts auch irgendwelche Bedingungen.

[00:17:58]

Was die Finnen aufgenommen haben als Idee ist, dass Wohnen ein Menschenrecht ist und dass es keine Voraussetzungen geben muss, um langfristig mit Wohnraum versorgt zu werden. Es gibt immer noch ein Problem mit z.B. Migranten ohne Migrantinnen ohne Papiere. Aber ansonsten wäre das so, dann könnte man sich an entsprechende Stellen wenden und würde relativ zeitnah an eine Wohnung vermittelt werden. Das Stichwort hier ist ja vor allem Normalität, möglichst normale Wohn und Lebensverhältnisse.

[00:18:29]

Normalität. Dass jemand einen Rückzugsraum hat, ein eigenes Reich, davon hat Sandra Martini gesprochen. Das ist einfach das, was sie dann an der Wohnung schätzt. Es überschneidet sich total mit dem, was auch ein Experte erzählt.

[00:18:42]

Würdest du denn sagen, so vom Eindruck her, dass sich bei ihr tatsächlich alles wieder normalisiert hat mit der Wohnung?

[00:18:47]

Wir haben ja vorhin von ihrer Spielsucht kurz gesprochen. Da habe ich sie auch noch mal drauf angesprochen, wie das jetzt läuft, seit sie eine Wohnung hat.

[00:18:57]

Ja, nach wie vor bist du manchmal so Ambitionen, dass ich spiele.

[00:19:06]

Ja, also das ist es mehr geworden oder weniger. Weniger. Warum? Aber ich halte hier zu Hause öfters ein k枚nnen, muss nicht unbedingt Stadträume Gurken verstehen. Wenn z.B. regnet oder so, dann bin ich meistens in die Spielsalon gegangen.

[00:19:28]

Also was sie da sagt, das bestätigt ja so klein, was auch Studien zu Housing First sagen. Die gibt's ja nicht nur für Finnland, sondern z.B. auch für Portugal, Dänemark, Belgien, USA et cetera, weil es da überall auch zumindest mal einzelne Projekte gibt. Und eine Erkenntnis bei all diesen Studien ist den meisten Menschen, die dann so eine Wohnung bekommen, den gehts gesundheitlich definitiv besser. Und beim Thema Sucht. Da geht es natürlich auch um Drogensucht.

[00:19:54]

Da ist es allerdings nicht so, dass alle aufhören. Aber die Menschen konsumieren tendenziell zumindest mal weniger.

[00:20:00]

Und das ist dann auch weniger gefährlich für den Einzelnen. Also Harm Reduction ist da so ein bisschen, dass da die Stichworte. Und das ist ja auch auf jeden Fall ein positiver Effekt.

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Eine Wohnung zu haben macht was mit den Menschen. Also ich glaube, das kann man so übergreifend sagen. Und deshalb ist es ja auch so spannend, das groß zu denken wie in unserem Szenario. Also nicht nur einzelne Projekte sich anzuschauen, sondern zu überlegen Housing First haben wir überall in Deutschland. Ich hab da auch nochmal mit Volker Busch Gerd Zimmer drüber gesprochen und er sagt, wenn wir das jetzt wirklich flächendeckend hätten, dann hätte das auch Auswirkungen darauf, wie der Staat, wie die Behörden z.B. das Jobcenter mit Menschen umgehen, die nicht so gut klarkommen oder sich eben nicht an die Regeln halten.

[00:20:42]

Einer der Effekte wäre ja, das Wohnungslosigkeit nicht mehr als eine Strafe Option quasi in Frage kommt. Weder bei Sanktionen, wenn man keine Termine wahrnimmt oder man eine Stelle nicht annimmt, noch wenn man seine Miete nicht zahlen. Da würde sich einiges ändern, dann müssten für diese Dinge andere Formen der Reaktion entstehen. Wir werden immer eine kleine Gruppe haben, aber eine kleine, die in normalen Wohnraum nicht zurecht kommt und die andere Lösungen brauchen. Wir haben natürlich nach wie vor strukturelle Probleme wie Armut, Arbeitslosigkeit, Einsamkeit, psychische Probleme, Suchtprobleme, Housing First machen nicht gesund, reich und glücklich, sondern es beendet Wohnungslosigkeit und schafft eine ganz wichtige Basis für weitergehende Schritte in die Integration.

[00:21:29]

Also zusammengefasst Es spricht vieles für den Ansatz von Housing First. Da könnte man jetzt natürlich fragen Warum machen wir es denn nicht einfach großflächig in Deutschland?

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Tja, und die ich sag mal einfache Antwort ist weil es natürlich aufwändig ist, weil man Strukturen verändern müsste und letztlich auch und das ist natürlich das Entscheidende, weil es in Deutschland vielerorts gerade in den großen Städten. Beispiel Berlin viel zu wenig Wohnungen gibt.

[00:21:56]

Da müsst ihr einfach die Politik mehr tun, könnte man argumentieren.

[00:21:59]

Wobei eigentlich schon vieles gemacht wird, auch von den Städten und Gemeinden selbst, aber eben nur punktuell und nicht flächendeckend. Zum Beispiel, wenn irgendwo neu gebaut wird, dann kann eine Stadt ja durchaus steuern, was passiert.

[00:22:11]

Es gibt diese ganz einfachen Dinge wie Regelungen, wenn z.B. städtischer Grund verkauft wird oder neues Baurecht geschaffen wird, dass es Auflagen gibt, dort mindestens einen Teil der Wohnungen als Sozialwohnungen, als geförderte Wohnungen zu errichten und dann einen Teil dieser Wohnungen auch an Wohnungslose zu vergeben. Sowas gibt's z.B. in Bremen. 25 Prozent der neuen Wohnungen müssen gefördert sein und 20 Prozent dieser Wohnungen müssen dann Wohnungslose vergeben werden.

[00:22:37]

Das Zentrale ist einfach Irgendwo irgendetwas bauen nutzt jetzt nicht so alleine. Es müssen tendenziell kleine günstige Wohnungen sein und es muss politisch auch sehr klar geregelt sein, dass die dann auch wirklich die Schwächsten bekommen.

[00:22:50]

Die Finnen haben es ja auch hingekriegt und da sind die Wohnungen auch nicht auf den Bäumen gewachsen.

[00:22:55]

Es stimmt, aber die haben sich ja entschieden, dass sie das wirklich als nationale Strategie machen. Also das hat bei denen richtig Priorität und wird nicht nur hier und da mal so ein bisschen ausprobiert.

[00:23:04]

Ich hab mich bei unserer Recherche gefragt Inwiefern spielt denn auch Abschreckung eine Rolle? Also als Grund, warum man das nicht einfach überall macht. Man könnte ja argumentieren, wenn in Deutschland jeder Obdachlose eine Wohnung bekommt, dann zieht das auch andere Menschen aus ärmeren Ländern an. Aus Osteuropa z.B..

[00:23:24]

Das ist schwer zu sagen. Volker Busch Gerd Zimmer hat solche Pull Effekte jetzt nicht komplett ausgeschlossen. Aber er hält sie schon für eher nicht so wahrscheinlich. Und aus seiner Sicht ist das auch eher ein vorgeschobenes Argument, teilweise von großen Städten, damit man eben so einen Hilfesystem nicht aufwendig umkrempeln muss. Und wenn man nochmal nach Finnland schaut, dann ist das ja nicht so, dass die da von ausländischen Obdachlosen überrannt worden sind und so oder so.. Die Finnen haben sich auch nicht von irgendwelchen Befürchtungen abhalten lassen.

[00:23:54]

Die haben gesagt, der Plan ist bis 2027 sollen da wirklich alle eine Wohnung haben und zwar dauerhaft.

[00:24:00]

Die Finnen haben wir jetzt als letzten Schritt, nachdem sie dieses Housing First Programm aufgelegt haben, auch noch gesehen, dass natürlich das wichtigste überhaupt ist, den Wohnungs Verlust erst einmal zu verhindern. Das heißt, sie würden schon alles mögliche unternehmen, damit Wohnungslosigkeit gar nicht erst entsteht. Also das ist ja der zweite große Bestandteil, den man braucht bei einem Programm. Wenn man Wohnungslosigkeit reduzieren will, muss man die Wohnungslosen in Wohnungen bringen. Aber man muss auch verhindern, dass Menschen überhaupt erst wohnungslos werden.

[00:24:31]

Ja, und wenn wir Housing First in Deutschland flächendeckend hätten, dann würde da im Idealfall auch dazugehören, dass das Frühwarnsystem bei Behörden und Hilfsorganisationen viel besser und schneller anspringen würde, als das jetzt der Fall ist. Wenn jemand zum Beispiel mit Rückstand hat und droht, deshalb aus der Wohnung zu fliegen.

[00:24:49]

Also man sieht schon, viele verschiedene Aspekte gibt's bei dem Thema gerade auch. Prävention ist ja super wichtig. Lass uns jetzt nochmal zusammenfassen Housing First hätte, wenn wir es flächendeckend in Deutschland hätten, viele positive Folgen. Erst mal für die Menschen natürlich, die vorher obdachlos waren. Die hätten, wenn sie in der eigenen Wohnung leben könnten, sicher weniger Psycho Stress, vermutlich auch mehr Selbstbewusstsein, mehr Sicherheit. Und sie würden eine Sucht vielleicht auch besser in den Griff kriegen.

[00:25:18]

Und vor allem sie werden wieder mehr Teil unserer Gesellschaft.

[00:25:21]

Für den Staat wäre das System aber nicht per se billiger. Und Housing first heißt eben auch nicht, dass Menschen dann automatisch mit einer Wohnung auch wieder einen Job finden und eine eigene Wohnung mit möglichst wenig Vorschriften.

[00:25:34]

Das funktioniert auch nicht für alle, aber eben ja doch schon für die meisten. Das hat man ja an den Beispielen gesehen, auch aus den Erfahrungen in Finnland. Trotzdem auch die Frage Wenn wir das jetzt so hätten bei uns in wirklich großem Stil, bräuchte man dann eigentlich überhaupt noch die Hilfsangebote, wie wir sie jetzt haben?

[00:25:52]

Naja, Housing First heißt ja nicht Housing Only. Also Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter braucht es auf jeden Fall weiterhin. Aber viele Wohlfahrtsorganisationen müssten sich wahrscheinlich schon anders aufstellen und sich auch mehr noch öffnen hin zu so einem akzeptierenden Ansatz. Also mehr noch akzeptieren, welche Entscheidungen Menschen für sich selber treffen, auch wenn sie z.B. weiterhin Drogen konsumieren wollen. Und das würde auch bedeuten, dass es sowas wie Wohnen auf Probe oder Wohnheime für Obdachlose wahrscheinlich kaum noch gäbe. Stattdessen wohnen die Menschen dann eben selbstbestimmt in ihren Wohnungen, überall verteilt in der Stadt.

[00:26:29]

Das war mal angenommen für heute unsere Folge zum Thema Obdachlosigkeit. Schön, dass ihr zugehört habt. Und wenn ihr Feedback für uns habt, schreibt uns an. Mal angenommen ARD-Tagesschau Punkt D Und wir sind nächste Woche wieder für euch da, mit einer neuen Folge.

[00:26:43]

Bis dahin mach's gut. Ciao.