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Die ganze Welt des Wissens Podcast von Bayern 2.

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Es lebe die Kommune, riefen Tausende und Tausende von Stimmen und die Käppis waren gehisst an den Spitzen der Bajonette und Hunderte Fahnen wurden in der Masse der Bataillone ein Fest, ein brillantes Fest, ohne Zweifel aber ein kriegerisches Fest, auf das sich bald eine Sonne senken sollte.

[00:00:38]

Die rot war vom Blut.

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Das Besondere daran waren, dass die Hälfte davon aus der Arbeiterklasse kam. Es war wirklich die erste Revolution in Frankreich, die eine proletarische Revolution war und wo dieses Proletariat die Herrschaft übernommen hat. Paris, März 1871 Aufbruchstimmung. Die Stadt erfindet sich wieder einmal neu. Vor wenigen Wochen erst wurde der Kaiser gestürzt, Napoleon der Dritte, jetzt die Nachfolge Regierung, die eigentlich Ruhe ins Land bringen sollte. In Paris weht nun die rote Fahne.

[00:01:17]

Sie steht für eine Revolution, die in den Arbeitervierteln entstanden ist. Eine Regierung, in der die kleinen Leute das Sagen haben. Bis vor kurzem noch undenkbar. Möglich wird die Kommune erst durch die Wirren eines Krieges.

[00:01:33]

Der deutsch französische Krieg hat Paris heftig zugesetzt. Den ganzen Winter über wird die Stadt von den Deutschen belagert. Die Einwohner frieren bei minus 15 Grad, essen monatelang graues Kleie Brot. In Restaurants stehen geschlachtete Tiere auf der Karte.

[00:01:51]

Als der Friede schließlich kommt und die deutschen Truppen und Paris sich zurückziehen, sind viele unzufrieden. Die Bedingungen der Kapitulation sind hart. Wofür hat man denn nun den ganzen Winter gefroren und gehungert?

[00:02:06]

Unter den kleinen Leuten brodelt es. Schon während der Belagerung schießen politische Klubs aus dem Boden. Dort darf jeder ans Rednerpult treten und sich über die noch nagelneue französische Regierung in Rage reden. In den roten Klubs traut man der jungen Republik nicht über den Weg dieser Republik, die geführt wird von Bürgerlichen und Kaisa Treuen. Man fürchtet, dass die Monarchie in Frankreich wieder eingeführt wird.

[00:02:34]

Die Regierung tut wenig, um die Unzufriedenen auf ihre Seite zu ziehen. So plant sie, Schulden einzutreiben und säumige Mieter aus den Wohnungen zu werfen. Dr. Mareike König vom Deutschen Historischen Institut in Paris.

[00:02:48]

Wenn das durchgesetzt worden wäre, wäre ungefähr die Hälfte der Pariser Bevölkerung auf der Straße gestanden und auch bei den Zahlungsverkehr während der Blockade eingestellt worden war. Wenn man diese Schulden sofort hätte bezahlen müssen, wären also 40 000 Bankrotterklärung gekommen. Und es war eben nicht nur die Arbeiter, sondern auch das kleinere und mittlere Bürgertum davon betroffen, die dann auch damit ins Lager der Unzufriedenen wechselten.

[00:03:10]

Der bürgerliche Regierungschef Adolf Tire will Paris in Schach halten. Die Hauptstadt ist ein Unruheherd. Ein schwer Bewaffneter. Denn Paris hat sein eigenes Militär, die Nationalgarde, die Pariser Bürgerwehr. Seit der Niederlage gegen die Deutschen bekommen 200 000 Männer in Paris von der Regierung keinen Sold mehr. Ihre Kanonen lagern in den aufmüpfigen Arbeitervierteln. Und Belleville.

[00:03:40]

Das waren Waffen, die gehörten der Stadt Paris. Diese Waffen wurden zum Teil mit Spenden finanziert. Da hatte die Bevölkerung Geld gegeben, um diese Waffen kaufen zu können. Dem eigenen Verständnis nach gehörten sie in Paris, gehörten sie der Nationalgarde, und man wollte diese Geschütze nicht abgeben.

[00:03:57]

Daher klammheimlich. In einer ruhigen Nacht vom 17. auf den 18. März will die Regierung die Pariser entwaffnen. Doch es kommt zu Pannen. Die erwarteten Pferde, Gespanne für den Abtransport der Geschütze treffen nicht ein. Die regierungstreuen Soldaten versuchen also, die schweren Kanonen selbst die steilen Plaste Straßen hinunter zu bringen. Da bricht der Tag an. Eine aufgebrachte Menschenmenge strömt zusammen. Gaston da Costa, ein junger Mathematiker und Kommunarden, beschreibt die Situation. Gegen 7 Uhr 45 formte die Menge eine richtige menschliche Blockade zwischen den Soldaten und der bewaffneten Nationalgarde.

[00:04:37]

Die Frauen schrien Werde die auf und schießen auf eure Brüder, auf unsere Männer, auf unsere Kinder.

[00:04:44]

Die Soldaten der Regierung meutern und wenden sich gegen ihre Vorgesetzten. Der wütenden Mob fordert den Tod zweier Offiziere. Sie werden ohne Gerichtsverfahren rasch erschossen. Damit ist die Revolution schon fast vollbracht. Bereits am Abend hat die Pariser Bürgerwehr die Stadt unter Kontrolle. Mit einem solchen Erfolg hat kaum jemand gerechnet. Nie hat eine Revolution die Revolutionäre mehr überrascht, sagt selbst der Kommunarden Armando.

[00:05:15]

Aus Angst zieht sich die bürgerliche Regierung nach Versailles zurück ins Schloss der Bourbonen, ein Symbol der Monarchie. David vom Pariser Rathaus Dachschaden, die rote Fahne. Wenig später finden Wahlen statt. Ein Rad bildet sich. Dieses neue Paris trägt den Namen Coming Gemeinderat.

[00:05:36]

Schon farblich ist diese neue Ordnung kaum zu übersehen. Die Pariser tragen rote Gürtel, Armbänder, Halstücher und Käppis. Wenn sich die Kommunarden zum Diskutieren in Kirchen versammeln, verhängen sie die Altäre mit roten Tüchern. Sogar das Jesuskind bekommt eine rote Mütze aufgesetzt. Die Kunsthistorikerin Judith Prochazka von der Stiftung Humboldt-Forum ist nicht mehr blöd ruhig.

[00:06:03]

Und es ist nicht mehr die Republik, für die die Kommunarden stehen, sondern es ist die rote Fahne, und es ist ein Bruch, der auch durch die Gesellschaft geht. Es geht um Ideale, mit denen man dann auch mit großen Teilen der französischen Gesellschaft brechen muss, wenn man sie durchsetzen will.

[00:06:28]

Es ist eine Revolution der kleinen Leute. Gelernte Arbeiter und Tagelöhner, kleine Ladenbesitzer und Handwerker, Kaufleute und Selbständige im neugewählten Rat der Kommune sitzen hartgesottene Revolutionäre. Viele sind für ihre politischen Ansichten schon ins Gefängnis oder ins Exil gegangen, auch wenn sie sich nicht in allem einig sind. Gemeinsame Ziele gibt es doch, erklärt Mareike König.

[00:06:55]

Die republikanischen Ziele Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit spielte eine Rolle, also vor allem ein Zurückdrängen der katholischen Kirche. Der Priester war ja der meist verhasste Gegner der Kommunarden. Natürlich eine gemeinsame Verwaltung der Arbeit, der Güter und des Reichtums, also eine Enteignung von Personen. Umverteilung.

[00:07:17]

Sofort macht sich der Rat an die Arbeit. Er führt die allgemeine Schulpflicht ein, den gleichen Lohn für Männer und Frauen und die Trennung von Kirche und Staat.

[00:07:27]

Das war wirklich etwas komplett Neues. Die Kirche hatte einen ganz, ganz großen Einfluss, gerade dadurch, dass sie hauptsächlich die Erziehung, die Schulbildung organisierte. Davon wollte man sich befreien. Die Kirche galt als rückwärtsgewandt. Es war eine Zeit, in der andere Ideen aufkamen säkulare Ideen, Darwinismus beispielsweise, die Ideen und Doktrinen der Kirche ganz stark in Frage stellten und die als rückwärtsgewandt bezeichnet. Da wollte man sich auf jeden Fall trennen, zumal diese Verbindung von Kirche und Thron sich gezeigt hatte.

[00:07:58]

Diese gemeinsame Herrschaft sah man eben als eine Verbindung an, die es unbedingt zu lösen galt.

[00:08:04]

Nonnen dürfen nicht mehr in Schulen unterrichten, Kirchengebäude gehören nun offiziell der Kommune.

[00:08:11]

Außerdem bemüht sich die Kommune, die Schere zwischen Arm und Reich zu schließen. Sie kürzt Beamtengehälter und übergibt stillgelegte Fabriken an Genossenschaften. Sie stoppt die Zwangsversteigerung und erlässt Mietschulden. Ein Journalist schreibt in einer Kommune freundlichen Zeitung Die Kommune ist die Antithese der alten Welt.

[00:08:33]

Sie verkörpert die gerechte Entlohnung der produzierenden Solidarität, Gleichheit, Einheit. Der Kommune geht es nicht nur um soziale Reformen, sondern auch um die Autonomie der Stadt Paris. Selbstbestimmung wird zum Schlagwort.

[00:08:49]

Man ging davon aus, dass diese kleinen Einheiten wie Familie oder Nachbarschaften, dann Kommunen oder Städte eben frei darüber entscheiden sollten, wie ihr Schulsystem aussieht, wie sie sich organisieren, wie sie sich verwalten, wie die Polizei aussieht und so weiter. Deswegen dieser Begriff Kommune meint auch wirklich die Städte. Freiheit.

[00:09:08]

Anfangs herrscht in vielen Vierteln eine Feiertages Stimmung. Nichts erinnert an einen Aufstand, schreibt ein Pastor. Einfache Leute flanieren staunend durch die reichen Viertel im Westen von Paris, die sie zuvor noch nie gesehen haben. Sie besuchen Konzerte der Schülerin. Palast ist jetzt für die öffentlichkeit zugänglich. An jeder Ecke gibt es Broschüren und Zeitschriften zu kaufen, Poster und Pamphlete kleben an den Wänden. Man grüßt einander als Bürger. Der Maler Gustave Courbet schreibt an seine Eltern Ich bin wie verzaubert.

[00:09:44]

Paris ist ein wahres Paradies. Wenn das nur für immer so bleiben könnte. Die Pariser Kommune hat Erfolg wie keine Form der Regierung vor ihr.

[00:09:54]

Die Kommune haben vor allem Arbeiter unterstützt. Eine sozialistische Revolution, wie Karl Marx sie damals ausrief, ist die Kommune trotzdem nicht gewesen. Die meisten Kommunarden waren keinen Industrie Proletariat. Sie arbeiteten nicht in großen Fabriken, sondern in kleinen Betrieben und im Handwerk. Auch Kleinunternehmer, Angestellte und Kleinbürgerliche waren dabei, und gerade Privateigentum stellte die Kommune nicht in Frage. Von der Banque de France und dem großkapitalisten Rothschild bekam der Rat gar einen Kredit.

[00:10:30]

Trotzdem Für die Bürgerlichen von Paris ist die Kommune ein rotes Tuch. Viele packen ihre Siebensachen und fliehen aus der Stadt. Das bürgerliche Europa ist entsetzt.

[00:10:42]

Ein Schriftsteller, der in Paris geblieben ist, schreibt Persönliche Freiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit. All diese Freiheiten werden erbarmungslos geopfert, weil die Kommune sich um jeden Preis erhalten will. In Paris herrsche Chaos und Barbarei, sagen die Gegner. Sie attestieren der Kommune einen Massenware. Die Revolutionäre sind in ihren Augen Arbeitsscheue, Asoziale, verwahrlost und alkoholabhängig.

[00:11:10]

Und man schimpft die Kommunarden, Vandalen. Viele Bauwerke der alten Ordnung sind der Kommune ein Dorn im Auge, etwa die Wandung Säule. Sie hat einst Napoleon errichten lassen, um seiner großen Armee ein Denkmal zu setzen. Für die Kommune ein Symbol für Militarismus, Barbarei und Gewalt, das es zu stürzen gilt. Am 16. Mai, begleitet von der Marke jez, zieht man an den Tauen mit lautem Getöse zerbricht die Säule am Boden. An ihrer Spitze Napoleons Standbild. Ein Freund der Kommune Selzer liegt auf dem Rücken, enthauptet, sein Lohrberg gekrönt.

[00:11:58]

Der Kopf ist wie ein Kürbis gerollt. Die Kommune stürzt alte Herrschaftsverhältnisse um. Und auch gesellschaftliche Rollenbilder.

[00:12:08]

Frauen spielen in der Kommune eine besondere Rolle. In politischen Clubs treten sie als Rednerinnen auf. In den letzten Tagen der Kommune kämpfen einige auf den Barrikaden. Andere kochen für die hungrigen Kämpfer oder versorgen Verletzte. Auch wenn im Rat keine einzige Frau sitzt und vom Frauenwahlrecht keine Rede ist. Während der Kommune wird die erste feministische Organisation gegründet.

[00:12:34]

Mareike König war damals schon wirklich revolutionär, die Union de force de Paris. Dabei ging es nicht nur um Krankenpflege, wie der Name nahelegt, sondern auch wirklich um die soziale Revolution für das Abschaffen von existierenden juristischen sozialen Beziehungen und Hierarchien und vor allem für eine Selbstbestimmung für Arbeiter und Arbeiterinnen.

[00:12:58]

Die bürgerliche Regierung Frankreichs ist derweil immer noch sei sie versucht, Paris zurückzuerobern. Zwar gibt es auch in anderen Städten kleinere Revolten, etwa in Lyon, Toulouse oder Marseille. Doch der Aufstand bleibt auf die Hauptstadt beschränkt.

[00:13:15]

Ich denke mal, dass diese spezielle Situation von Paris eine besondere Rolle spielte, weil gerade der ganze Süden von Frankreich ja den Krieg gar nicht unmittelbar selbst erlebt hat, weil dort keine Kämpfe stattgefunden haben. Während Paris den ganzen Winter über belagert war und besetzt war und diese besondere Kriegssituation ganz stark im Alltag empfunden hat.

[00:13:35]

Zwei Monate ist die Kommune im Amt, da rücken im Süden und Westen die Regierungstruppen immer näher. Im Norden und Osten sind immer noch deutsche Truppen, die sich neutral verhalten. Sie schauen ungläubig zu, wie Franzosen gegen Franzosen kämpfen. Langsam fallen die Vororte und nahe der Hauptstadt. Die Katastrophe kommt an einem schönen Sonntag bei den Tuilerien wird ein Konzert veranstaltet. Als ein Spion der Regierungstruppen ein unbewachten Tor bemerkt. Damit beginnt die blutige Woche. Vom 21. bis zum 28. Mai wird in Paris gemordet.

[00:14:22]

Der Westen der Stadt fällt rasch, doch im Norden und Osten der Stadt liefert man sich Scharmützel um jeden Meter Straße. Die Kommunarden bauen unermüdlich Barrikaden, man verschanzt sich hinter hastig errichteten Schutzwälle aus Pflastersteinen und Sandsäcken. Manche Barrikaden sind richtige Militärs, Kunstwerke ausgetüftelt von den Mitgliedern einer eigenen Barrikaden, Kommission mit zwei Meter Gräben und Bastionen, zwei Stockwerken und Schießscharten zwischen den Sandsäcken.

[00:14:58]

In den letzten Tagen der Kommune verwandeln sich die Viertel schnell in Festungen. Allein im Pariser Stadtteil Belleville gibt es 76 Barrikaden.

[00:15:09]

Die Barrikade wird zum politischen Symbol der Kommune und der ganzen Arbeiterbewegung. Doch so oft sie später auch in Liedern, Gedichten und Reden beschworen wird Der Kampf ist aussichtslos.

[00:15:23]

Paris steht in Flammen, der Telering Palast, das Rathaus, das Finanzministerium, der Justizpalast, der Louvre. Manche Brände sind bei der Bombardierung entstanden, andere haben die Kommunarden strategisch gelegt.

[00:15:39]

Verantwortlich gemacht werden von der Regierungspropaganda aber vor allem Frauen. Das Bild der Brandstifter entsteht. Zeitgenössische Bilder zeigen sie als Furie. Das Hartzer wühlt den Mund zum Schrei verzerrt. In den Gesichtern blitzt teuflische Freude auf. Judith Prochazka hat die Darstellung der Pariser Kommune in den Bildmedien untersucht.

[00:16:06]

Das ist sicherlich eines der spannendsten Bilder, die von der Pariser Kommune überliefert sind. Weil sich da sozusagen die schlimmsten Gegenbilder verbinden. Da ist der Revolutionär, der kommunale, der Kommunist und dann auch noch die Frau. Da wird das auf einmal Bild, das da offenbar in der Gesellschaft drin Urängste schlummern vor Frauen, die stark sind, vor Frauen, die Politik gestalten wollen.

[00:16:32]

Die Soldaten der Regierung üben blutige Vergeltung. Wer ihnen über den Weg läuft, kann hingerichtet werden. Sofort, ohne Prozess. Auch Frauen und Kinder schonen sie nicht. Ob jemand der Kommune geholfen hat oder nicht, spielt dabei kaum eine Rolle.

[00:16:47]

Unzählige Kommunarden finden in der blutigen Woche den Tod. Erschossen, ertränkt, verbrannt und in Massengräbern verscharrt. Die Stadt als riesiger Friedhof? Das Grauen fast. Der Daily Telegraph in Worte. Blut fließt in den Rinnstein von Paris. In allen Straßen liegen Tote, und erstarrte Leichen sind ein gewöhnlicher Anblick an jeder Ecke.

[00:17:13]

Mareike König Die Massenerschießungen, die stattfanden, das war schon sehr brutal und gab auch einen Aufschrei europaweit Regierungstruppen oder die Regierung in Wassa. Eine große Propagandamaschine in Gang gesetzt, die diesen Einsatz von Gewalt rechtfertigt.

[00:17:30]

Auch die Kommunarden scheuten nicht vor Gewalt zurück. So haben sie etwa den Erzbischof von Paris hingerichtet. üBer die Zahl der toten Kommunarden sind sich Historiker nicht einig. Von 10000 bis 30000 reichen die Schätzungen.

[00:17:47]

Manch einer kann ins Ausland fliehen, den Rest erwarten Strafprozesse. Oft verhängen die Richter die Todesstrafe. Wer Glück hat, darf in einem Gefängnis in Frankreich verrotten oder wird nach Neukaledonien deportiert. Eine Sträfling Kolonie mit unerträglicher tropischer Hitze, genannt die trockene Guillotine. Derweil kehren die geflohenen Bürger in Frack und Zylinder in das zerstörte Paris zurück. Und auch die Gaffer kommen.

[00:18:30]

Reiseanbieter wie Thomas Cook machen mit einem regelrechten Rubinen Tourismus ihr Geld. Für das bürgerliche Europa wird das Schreckgespenst des sozialen Umsturzes plötzlich sehr greifbar. Schnell bemüht sich die französische Regierung, die Zustände zu befrieden.

[00:18:47]

Die Säule wird neu errichtet, die Nationalgarde aufgelöst, die internationale verboten. einige Jahre später wird gebaut.

[00:18:57]

Die schneeweiße Kirche steht nicht zufällig auf dem Montmartre. Als Kirche soll sie um Vergebung für die Sünden der Kommune bitten. Die Erinnerung an die Kommune wird einige Jahre heftig unterdrückt. Erst 1880 gibt es eine Amnestie. Bis 1977 darf Paris keinen eigenen Bürgermeister haben.

[00:19:21]

Für die Arbeiterbewegung sind die Kommunarden keine Verbrecher, sondern Märtyrer. Den Text zum berühmten Lied Die Internationale schreibt der Kommunarden Portier kurz nach der Niederschlagung und widmet es einem Mitstreiter. Vor allem Karl Marx strickt am Mythos der Kommune mit. Er nennt die Kommune die reichste Tad unserer Partei. Seit der Pariser Juni. Für Anarchisten, Sozialisten und Kommunisten bleibt die Kommune ein wichtiger Bezugspunkt, sagt Judith Prochazka.

[00:19:57]

Es geht dann eben auf internationaler Ebene weiter. Es ist dann eben für die russische Revolution ist es wichtig, ist es später für Mao wichtig. In Ostberlin, in der Hauptstadt der DDR, ist eine Straße nach der Pariser Kommune benannt. Also für die kommunistische Bewegung wird es ein ganz wichtiges Symbol, das immer weiter tradiert wird.

[00:20:17]

Der Friedhof Père Lachaise ist für die französische Linke zum Pantheon geworden. Dort lieferten sich Kommunarden eines der letzten Gefechte. Als die Munition ausging, duellierten man sich angeblich auf offenen Gräbern und griffen mit der blanken Waffe. Wer überlebte, wurde von den Regierungstruppen an eine Mauer gestellt und erschossen.

[00:20:40]

Die Pariser Kommune ist ein schönes Beispiel dafür, dass ein Mythos meistens auch dann entsteht, wenn es jemanden gibt, der aktiv diesen Mythos gestaltet. Ein gutes Beispiel dafür ist dieser berühmte Gang auf den Friedhof Père Lachaise in Paris. Um an diesem Ort der Toten zu gedenken und eben auch dieses Aufstandes zu gedenken, zu propagieren, dass diese Ziele etwas sind, für die es sich heute noch lohnt einzusetzen.

[00:21:07]

Noch heute versammeln sich dort jedes Jahr im Mai Sozialisten und Kommunisten, Gewerkschafter und Anarchisten. Sie halten, reden, singen Revolutions, Lieder, legen Kränze nieder.

[00:21:19]

Das wurzelt ganz sicherlich in unserer christlichen Tradition, dass in der europäischen Vorstellungen auch in der größten Niederlage ganz häufig verbunden ist die Hoffnung auf eine Wiederauferstehung und auf einen Sieg. Auch mit diesem Tod auch für eine Sache, die aber umso größer und umso erfolgreicher wiederauferstehen wird und letztlich auch zum Sieg kommen wird. Zumindest als Mythos hat die Pariser Kommune überlebt. Noch heute bewegen diese 72 Tage, in denen eine neue Welt erprobt wurde, ein radikaler Gegenentwurf zur etablierten Gesellschaft. Von den Gegnern verteufelt, von den Anhängern verherrlicht.

[00:22:08]

Die Kommune hat nach wie vor in Frankreich eine gewisse Faszinationskraft, gerade deswegen, weil sie sehr kurz war und in dieser kurzen Zeit gezeigt hat, was möglich wäre, und man dann eben entsprechend die Geschichte auch weiter spielen kann. Wie es weitergegangen wäre, wenn die Kommune sich durchgesetzt hat. Und das lässt natürlich für Spekulationen und für Fantasien jeden Raum, den man sich wünschen kann.

[00:22:39]

Sie hörten die Pariser Kommune 72 Tage Revolution von Elsbeth Völker. Es sprachen Katja Schildt, Alexander Duda und Carsten Fabian. Ton und Technik Monika US-Sänger. Regie Axel Voss. Eine Sendung von Radio wissen..