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Die ganze Welt des Wissens Podcast von Bayern 2.

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Erster April 1999 Der König von Tonga lässt folgendes verlauten. Lasst alle Menschen wissen, dass Jessy den Bogdanov aufgrund seiner heiteren Weisheit, seiner großen Verdienste und seiner Liebe zum Königreich Tonga von mir König Topol, den vierten in den ehrenwerten Posten des offiziellen königlichen Hofnarren, erhoben wird. Er soll immer als Hofnarr des Königs bekannt sein.

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Es klingt wie ein Aprilscherz, ist aber keiner. Die Ernennungsurkunde ist ernst gemeint. Bogdanov wurde tatsächlich vom König von Tonga zum Hofnarren ernannt der Höhepunkt einer einzigartigen Karriere. Früher hatte der Amerikaner Doctorow magnetische Heyl Steine verkauft. Danach war er Berater für die Bank of America. Dann verschlug es ihn nach Tonga. Dort stieg er schnell zum Vertrauten und Finanzberater des Königs auf.

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Und dann der Gipfel zum Hofnarren. Wenn er nicht die Geldgeschäfte des Königs regelte, setzte er bei offiziellen Anlässen seine Narrenkappe auf und spielte für die Gäste des Königs Saxophone.

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Doch seine Karriere als professioneller Narr war kurz. Schon wenige Jahre später wurde er in Tonga Persona non grata. Er hatte etliche Millionen Dollar aus der Schatzkammer des Landes verzockt. Jessy, den Bogdanov, hatte gescherzt. Und mehr noch. Vermutlich hat er den Schlusspunkt unter das ganze Hofnarren TUM gesetzt. Ein Phänomen, das Jahrtausende umspannt. Die Ursprünge des Narren Thoms eindeutig zu klären, ist unmöglich. Doch egal, wohin man den Blick wendet Narren begegnen uns überall auf der Welt und in jeder Epoche.

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Im alten ägypten finden sich die vielleicht ältesten erhaltenen Hinweise auf den Beruf des Hofnarren. Ein über 4000 Jahre altes Schreiben eines Beamten an den Pharao erzählt von einem tanzenden Zwerg.

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Der Pharao verlangte sofort, diesen Zwerg an den Hof zu bringen.

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In China tauchen Hofnarren zum ersten Mal im achten Jahrhundert vor Christus auf und belustigte zweitausend Jahre lang die chinesischen Kaiser.

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Sie sangen, tanzten, musizierten und glänzten durch Wortwitz.

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Werner Metzger, Professor für Germanistik und Volkskunde an der Universität Freiburg, ist Hofnarren. Experte.

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Merkwürdige Gestalten an den Höfen im Umfeld der Mächtigen hat es eigentlich gegeben, solange es Potentaten gibt auf der Welt, Herrscher, Regierende also.

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Attila der Hunde hatte solche Gestalten in seinem Gefolge wie auch der Azteken, Herrscher des Sumann, indische Maharadschas ließen sich genauso von Hofnarren unterhalten wie persische Sultan. Doch nicht nur auf der ganzen irdischen Welt begegnen uns närrische Wesen. Ihre Spur lässt sich bis in die Welten der Götter und Mythen zurückverfolgen. Die Griechen kannten marmors, den Gott des Sports und der scharfzüngigen Kritik. Vor ihm war nicht einmal Zeus persönlich sicher. In der nordischen Mythologie treibt der Gott Loki Schabernack, Götter, Fabelwesen, Menschen.

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Jeder ist ein potenzielles Opfer seiner bösen Späße und Betrügereien von Südamerika bis in den Fernen Osten, von Nordeuropa bis ägypten, von den Höfen der irdischen Monarchen zur Götterwelt. Es wirkt fast wie ein Naturgesetz. Professor Werner Metzger vorgeherrscht wird, braucht man immer Narren.

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Das kann man so sagen. Ich würde es aber nicht ohne Ausnahme unterschreiben. Sicherlich geht die Tendenz dahin, aber jede Regel hat ihre Ausnahmen. Richtig ist, dass Herrschaft natürlich zwangsläufig auch Missstände mit sich bringt. Keine Herrschaft ist unfehlbar.

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Mächtige können von der Macht verführt und geblendet werden. Umso mehr scheuen die Untertanen, ihre Herrscher zu kritisieren, spätestens aber, wenn ein solcher Machthaber in eine absurde Situation gerät, die er selbst nicht mehr erkennen kann. Gerade weil niemand wagt, ihn zu kritisieren. Spätestens dann schlägt die Stunde der Narren.

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Närrische Figuren ziehen sich durch die Weltgeschichte wie ein roter Faden. Man muss aber klar unterscheiden Die singenden Unterhalter des chinesischen Kaisers sind andere Narren als die tanzenden Zwerge des Pharao, erfüllen andere Aufgaben und sind anderen Denken entsprungen. Eine Verbindung dieser Narren Figuren zum berühmten europäischen Hofnarren des Mittelalters gibt es nicht. Vielleicht war der Vorfahre des uns heute geläufigen Narren der römische Komödiant, Schauspieler, doch dessen Spur verliert sich schon im Dunkel des frühen Mittelalters.

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Zwar tummeln sich bis ins 11. Jahrhundert immer wieder seltsame Gestalten in der Nähe der Herrscher, Sänger, Dichter, Gaukler, Hofnarren waren sie jedoch nicht, der Freiburger Narren, Experte Werner Metzger.

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Aber im hohen Mittelalter und vor allem im Spätmittelalter hat sich die Rolle dieser seltsamen Gestalten bei Hofe zugespitzt. Von dieser Zeit an kann man dann auch von der klassischen Figur des Hofnarren reden.

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Ein klassischer Narr. Was ist das also? Ein Komödiant, ein Possenreißer bei Hofe?

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Es ist ein großes Missverständnis zu glauben, dass der Hofnarr in erster Linie dazu da war, für Stimmung zu sorgen und quasi als Kabarettist aufzutreten. Das ist eine sehr moderne Auffassung. In Wirklichkeit waren die Hofnarren eigentlich Gestalten, die Mahnung und Warnung zugleich haben sein sollen für die Herrschenden. Der Herrschende hat im Hofnarren sozusagen immer sein anderes Ich als lebende Warnung.

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Diese Idee hat ihren Ursprung in der Bibel.

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Am Beginn des Films wird ein Narr abgebildet, in dieser 52 Psalm heißt lateinisch dixit übersetzt Sprach in seinem Herzen. Es gibt keinen Gott, derjenige, der behauptet, es gibt keinen Gott, der ignorant ist gegenüber der göttlichen, der christlichen Weltordnung, der sozusagen nur sich selber sieht, aber nicht das Sensorium hat für die wirklichen Zusammenhänge der Welt und auch des Himmels, der nach damaliger Vorstellung ein Narr gewesen.

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Und so erscheint er auf den Bildern auf der einen Seite König David, demütig, prachtvoll gekleidet, gottgefällig, auf der anderen fast nackt. Er trägt keinen König, Szepter, er hält eine Keule. Und während der König Ruhe ausstrahlt, steht der Narr für Uneinsichtigkeit und Hochmut. Er ist das Gegenteil des frommen Königs.

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Das ist das Geheimnis hinter dem Hofnarren. Seine bloße Anwesenheit konfrontierte den Herrscher mit dessen Gegenteil, mit der ständigen Erinnerung daran, dass Gut und Böse auf Erden sehr eng beieinander liegen.

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Der König braucht den Hofnarren als eine Form der Existenz, die ihn auch hätte treffen können und von dem jeder Herrschende wusste, dass sich eines Tages auch die Verhältnisse einmal drehen können, dass einmal der Herrschende selber zum Narren wird, den keiner mehr versteht und der Narr vielleicht der einzige Weise ist auf der Welt. Das ist die Philosophie, die hinter dem Hofnarren steckt.

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Klingt ja toll, aber wer hätte die Rolle des Gottlosen spielen wollen? Kein normaler Mensch hätte sich freiwillig gemeldet. Also musste es jemand sein, der nicht normal ist. Bloß Wer galt im Mittelalter als nicht normal? Die mittelalterliche Gesellschaft war streng geordnet, und der Leitfaden für das, was man normal nannte, war der sogenannte Ordo, eine soziale Stufen Pyramide. Jeder Mensch wurde auf einer bestimmten Stufe geboren und verbrachte dann den Rest seines Lebens dort von ganz oben, vom Hochadel bis zum Bauern ganz unten.

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Jeder, der auf dieser Pyramide seinen Platz fand, war normal. Doch es gab auch Menschen, die dort kein Platz war. Die sogenannten natürlichen.

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Unter natürlichen Narren verstand man im späten Mittelalter Menschen, die durch irgendwelche angeborenen Gebrechen körperlicher Art seien, es könnten aber auch geistige Defekte sein. Zur Andersartigkeit verurteilt waren Narren im Sinne von gehandicapten Behinderten, wie wir heute sagen würden. Kleinwüchsige, Versehrte, geistig Behinderte, tragische Gestalten, die damals außerhalb der sozialen Ordnung leben mussten.

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Man konnte sich nicht vorstellen, dass ein Mensch mit schweren Missbildungen nach Gottes Ebenbild gemacht sein konnte, und jemand mit schweren psychischen Gebrechen, der den christlichen Lehren nicht folgen konnte, schien ebenfalls vom Heils Plan ausgeschlossen.

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Und damit verbinden sich auch sehr tragische Perspektiven. Wer nämlich, so die mittelalterliche Vorstellung, nicht an Gott glaubt, Gott leugnet, der ist zugleich auch dem ewigen Tod verfallen, hat keine Aussicht, in den Himmel zu kommen. Dem bleibt nur die ewige Verdammnis. Mit der Figur des Narren verbindet sich auch die Idee der Hoffnungslosigkeit des Verdammt Science auf ewig. Der Hofnarr als Symbol für den ewigen Tod so zeigt ihn auch die Kunst des Mittelalters. Immer wieder streift gefuttert Tod das Kleid des Narren über.

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Ein Kleid mit hohem Wiedererkennungswert. Immerhin ist der Hofnarr sozusagen Beamter. Er muss gewissen Standards und Normen folgen. Man verpasst ihm eine Uniform, ein, zwei farbiges, eng anliegende Gewand, häufig gelb und rot auf dem Kopf die Eselsohren, Kappe an den Eselsohren und auch am Rest des Gewandes hängen Schellen, die ihn schon von weitem ankündigen. In der Hand trägt er das Gegenstück zum Zepter des Herrschers. Die marold, tatsächlich ein Herrscher starb, auf dessen oberem Ende ein kleines Köpfchen abgebildet war, das meistens sogar ein Porträt seines Trägers war.

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Französisch nennt man dieses Narren Zepter, marold. Und wenn wir heute noch sagen, jemand hätte Marotten, dann meinen wir eben genau das Bild des Narren Stabs.

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So ausgestattet lebten die Narren am Hof. Es erscheint heute grausam, einen bereits vom Schicksal benachteiligten Menschen derart zur Schau zu stellen. Doch sogenannte natürliche Narren ohne Anstellung am Hof hatten meist ein noch härteres Los. Sie waren auf Almosen angewiesen. Geisteskranke wurden bisweilen sogar aus den Städten vertrieben. Man steckte sie zum Beispiel auf Schiffe und hoffte, dass sie erst weit weg von ihrer Stadt wieder an Land gesetzt würden.

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Hofnarr zu werden, war für beide Seiten ein Gewinn.

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Der Lebensunterhalt des Narren war gesichert. Der Arbeitgeber hatte seine lebende Warnung.

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Und nebenbei bewies er christliche Nächstenliebe. Er sorgte für jemanden, um den sich sonst niemand scherte.

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Am Hof lebte es sich allemal besser als in der Gosse.

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Je nach Grad der geistigen und körperlichen Behinderung verrichteten die Hofnarren niedere Arbeiten oder Dämmplatten im Wahn vor sich hin. Dabei ging oft etwas Rätselhaftes von ihnen aus, etwas Unheimliches.

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Häufig waren es Menschen, die besondere und auch erschreckende Fähigkeiten hatten. Nicht wenige der natürlichen Narren hatten zum Beispiel das zweite Gesicht. Die harten, hellseherische Fähigkeiten haben dann oft auch vor Unheil gewarnt, es dann tatsächlich eintrat.

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Das klingt beeindruckend, und trotzdem bleibt der Hofnarr, lange Gesicht und namenlos, eine schlichte Rolle. Das Mittelalter interessierte sich nicht für das Individuum. Erst mit dem Heraufdämmern der Renaissance ab dem 14. Jahrhundert sollte sich das ändern. Jetzt wurde auf einmal der einzelne Mensch wichtig, und auch der Hofnarr bekam einen Namen und einen Platz in den Chroniken. Allerdings begann er jetzt auch, sich gründlich zu verändern. Der künstliche Narr betrat die Bühne.

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Jetzt muss man schon ein bisschen auch von Komödianten sprechen, die ihre Rolle nur gespielt haben, die sehr geschickt als in Wirklichkeit vernünftige Menschen komische Rollen annahmen und sich aus dieser Position heraus Dinge herausnehmen konnten gegenüber den Herrschenden, von denen andere nur träumen konnten.

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Das war aber schon geschickte Verstellung, geschicktes Rollenspiel, Schauspielkunst.

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Plötzlich konnte jeder Hofnarr werden.

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Was es brauchte, war eine freche Zunge, scharfen Verstand und vor allem Glück. Das Glück nämlich, von einem Adligen entdeckt zu werden.

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Werner Metzger üBer irgendjemanden zu herrschen bedeutete auch, mobil zu sein, viel herumzukommen, zu reisen. Und irgendwo auf ihren Reisen haben die Mächtigen gelegentlich Menschen gesehen, die sie für komisch hielten.

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Immer mehr Mächtige vom Kaiser bis zum niederen Adel und sogar Geistliche wollten nun Hofnarren haben, am besten mehr als einen. Ein Adliger auf Reisen war stets sein eigener Casting Agent.

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Doch wurden jetzt nicht mehr nur auffällige Menschen mit Handicap gecastet. Selbst ein talentierter Bauernsohn konnte es weit bringen.

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Viele begabte Hofnarren wurden direkt weg, engagiert von der Weide, auf der sie arbeiteten.

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Der Hofnarr von Königin Elisabeth, der ersten, wurde entdeckt beim Schweine hüten. Einige dieser Zufalls Entdeckungen wurden zu regelrechten Superstars des Hofnarren Thoms. Ihre Anekdoten füllen Bücher.

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Ob sie stimmen oder ob sie nur gut erfunden sind, darüber kann man nur spekulieren.

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Einer dieser Stars des frühen 15. Jahrhunderts war der bayerische Gastwirt Kunz von der Rosen. Schlagfertigkeit und Intelligenz machten ihn zum Lieblings Hofnarren des Kaisers Maximilian. Er konnte sich Sachen erlauben, für die andere teuer bezahlt hätten.

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Dieser Kunz von der Rosen, der hat einmal inne. Heute würde man sagen Flotte Lippe riskiert. Als der Kaiser genealogische Forschungen anstellen ließ, solche genealogischen Forschungen riesige Stammbäume erstellen zu lassen, das war damals üblich, und Maximilian hatte sogar so weit gebracht, dass ein genealogische des Kaisers Stammbaum zurückgeführt hat auf Adam und Eva. Als das bekannt war, hat Kunz von der Rosen Maximilian plötzlich geduzt, was ungeheuerlich war einem Kaiser gegenüber. Der Kaiser fragte, wie denn das nun komme.

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Geantwortet Ja, eigentlich können Sie sich jetzt duzen. Denn er habe festgestellt, dass sie beide, der Kaiser und er über Adam und Eva, ja doch nahe Verwandte seien.

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Andere Hofnarren sollen noch weiter gegangen sein. George Kennan, Hofnarr des Königs von Schottland, soll sich darüber geärgert haben, dass sein König alle Dokumente ungelesen unterschrieb. Er fertigte ein Schreiben an und ließ den König unterschreiben. Kaum war die Tinte trocken, setzte sich der Narr auf den Thron und erklärte sich selbst zum Herrscher. Der entrüstete König hatte sich mit Unterschrift und Siegel selbst zum Narren und den Narren zum König ernannt. Von da an, so heißt es, habe der schottische Herrscher immer alles gründlich gelesen.

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Die Möglichkeit, selbst den Mächtigsten ungestraft Streiche spielen zu können, heißt heute noch Narrenfreiheit. Nur einer, der außerhalb der geordneten Gesellschaft steht, kann sich solche Dreistigkeit erlauben. Vielleicht war es sogar erfrischend für die Herrschenden, die eigenen Schwächen aufgezeigt zu bekommen. Heute wäre es wohl undenkbar, dass ein Präsident oder Kanzler jemanden extra dafür bezahlt, dass er einen Narren aus ihm macht.

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Die Herrscher von früher haben sich von heutigen Politikern unter anderem dadurch unterschieden, dass sie sehr, sehr demütig waren. Die eigene menschliche Unzulänglichkeit, die Gebrechlichkeit, auch die Unfähigkeit, manche Dinge richtig zu machen, hat ein mittelalterlicher Herrscher gesehen und wurde durch den Hofnarren, ob natürlich oder künstlich, immer wieder darauf verwiesen, dass auch ein Herrscher nur Grenzen hat.

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Mit dem Aufstieg der künstlichen Narren veränderte sich auch das öffentliche Bild vom Beruf Hofnarr des Narren Kleid war oft nur noch eine Verkleidung, unter der sich ein kluger und witziger Kopf versteckte.

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Immer öfter sah man ihm Narren einen verkappten Weisen.

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Sprichwörtlich hieß es im 16. Jahrhundert Kinder und Narren sagen oft die Wahrheit. Seinen Höhepunkt erreicht das Bild vom klugen Narren bei Shakespeare. Die Hofnarren in seinen Werken sind oft die einzigen Figuren mit Durchblick. So lebt diese Vorstellung bis heute weiter. Doch was passierte mit den sogenannten natürlichen Narren? Während künstliche Narren Karriere machten und sich von bloßen Spaßmacher einzuweisen und Vertrauten des Königs entwickelten, verschlechterte sich die Situation der natürlichen Narren. Ihre Rolle als lebende Warnung geriet in Vergessenheit. Sie wurden vom respektierten Symbol für den ewigen Tod zum Statussymbol ihrer zunehmend gehässigen Herrscher.

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In der Renaissance hat die Entwicklung begonnen. Dass man Hofnarren einfach nur absonderlichkeit wegen ihrer Komik wegen betrachtet, hat sie manchmal sogar in ganzen Horden gehalten, hatten sie wie Tiere in Käfige gesperrt und beobachtet hat. Und das spitzt sich dann zu. Bis ins 18. Jahrhundert hinein, wo die letzten Hofnarren dann wirklich eine sehr tragische Rolle spielen. Eine dieser Rollen ist etwa die des Freiherrn von Gundelfinger am preußischen Hofe. Jakob Paul von Ling war ein preußischer Gelehrter. Als Historiker genoss er hohes Ansehen im ganzen Land.

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Er war sogar Hoof, Gelehrter des Soldatenkönig Friedrich Wilhelm. Doch am Hof schlug den Gelehrten nichts als Verachtung entgegen. Grundlohn wurde in die Rolle des Hofnarren gemobbt. Die Hofgesellschaft schikaniert ihn, verpasste ihm alberne Kostüme und nutzte seine Trunksucht für böse Streiche aus. Alle Fluchtversuche blieben erfolglos. Bis zu seinem Tod wurde das Leben zur Hölle gemacht. Das allerdings war noch nicht alles, denn da hat sich heute, würde ich sagen, der preußische Potentat nicht entblödet in einem Fass beisetzen zu lassen, und darauf stand der denkwürdige Spruch und fortan nichts mehr zu hoffen, von dem Wein in diesem Fass selbst im Tode schmerzt.

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Dahinter steckt ein Menschenbild, das völlig anders ist als das mittelalterliche Menschenbild. Hier spricht verächtlichkeit aus jeder Zeile. Derjenige, der sich eigentlich damit ins Abseits stellt, ist der Herrschende selber. Die Affäre, so nenne ich sie mal, markiert sicherlich das Ende der alten klassischen Hofnarren Idee.

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Das Weltbild der Europäer veränderte sich grundlegend. Die Herrschaft wurde rationaler, moderner und der Hofnarr hatte immer weniger Platz. Allerdings taten sich für ihn auch neue Chancen auf. François, der Kefir, begann seine Karriere als Huff Zwerg, wurde dann aber zum gefeierten Architekten und baute in München das nach ihm benannte Theater.

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Das konnte er da, die Rolle der lebenden Warnung nicht mehr gebraucht wurde. Auch die Zeit des Ordo, der sozialen Pyramide des Mittelalters, war vorbei. Ohne den Ordo konnte man sich durch eigene Kraft bis ganz nach oben arbeiten. So wie Napoleon, der sich als Sohn eines Anwalts empor schlachtete. Bis zum Kaiser kann man sich vorstellen, dass Napoleon einen anderen Quereinsteiger neben sich hätte brauchen können, einen, der ihm auch noch weise Ratschläge erteilt, der ihm ungestraft Streiche spielt.

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Der Hofnarr ist Vergangenheit. Zumindest als Institution aber ist er deswegen ganz aus der Welt.

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Hofnarren ähnliche Figuren gibt es natürlich immer noch. Ob Sie von Heinrich Böll die Ansichten eines Clowns nehmen oder ob sie zum Beispiel Oskar Matzerath in der Blechtrommel nennen?

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Es sind immer Figuren, die sozusagen aus der Welt des nicht Normalen die normale Welt betrachten, und dabei wird klar, dass die normale Welt gar nicht normal, sondern eigentlich verrückt ist.

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Ach ja, Jessy Bogdanow. übrigens Der Magnet Verkäufer, Finanzberater und vermutlich letzte Hofnarr der Welt ist Hypnotherapie geworden. Spezialgebiet Posttraumatische Traumatisches, Belastungs Syndrom. Die Hofnarren von einst scheinen ihre Nischen gefunden zu haben. Sie hörten der Hufnagl, Legende und Wahrheit von Johannes Munzinger sprachen Laura. Mehr. Thomas Loibl und Carsten Fabian Technik Martin Rößner. Regie Christiane Glenz. Eine Sendung von Radio.