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Die ganze Welt des Wissens Podcast von Bayern 2.

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Hallo bei Radio Wissen dieses Mal mit einer schwierigen Frage Was ist deutsch oder wer sind die Deutschen? Eine Nation für Deutsche hatte jedenfalls schon viele Gesichter. Als Kulturnation, als Reich, als geteilte und wiedervereinigte Republik. Die deutsche Geschichte legt jedenfalls eins nahe. Nation ist nichts naturwüchsig, sondern historisch gewachsen und von Wandelbare im Inhalt. Hier ist das erste deutsche Fernsehen mit der Tagesschau. Berliner aus dem Ost und Westteil der Stadt erklettern die Mauer Volksfeststimmung beim Wiedersehen am Brandenburger Tor.

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In der Nacht war es geöffnet worden.

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28 Jahre lang, seit dem Bau der Mauer am 13. August 1961, haben wir diesen Tag herbeigesehnt. 9. November 1989 Die Berliner feiern mit dem Regierenden Bürgermeister Walter Momper den Fall der Mauer. Damit beginnt ein neuer Abschnitt der deutschen Geschichte. Nationale Zusammengehörigkeit ist immer auch Gefühlssache. Sie hat mit Identität zu tun, mit Heimat, mit gemeinsamer Sprache, Kultur und Erfahrung. Und doch bilden sich Nationen nicht von selbst und auch nicht ausschließlich entlang dieser Wegmarken heraus. Sie formieren und verändern sich im politischen Prozess, sagt Andreas Wirsching, Professor für Neuere und Neueste Geschichte und Leiter des Münchner Instituts für Zeitgeschichte.

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Nation ist in erster Linie eine konstruierte Einheit, die vor allem kulturell im Sinne dessen, wo die Menschen hinwollen, wo sie sich sozusagen vergemeinschaftet fühlen, funktioniert und in keiner Weise irgendetwas Statisches ist.

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Deutsche Nation bildungsprozesse verlaufen wesentlich komplizierter und dauern länger als die in Frankreich oder England. Das liegt daran, dass Deutschland lange Zeit staatlich zersplittert gewesen ist. Noch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts besteht das Heilige Römische Reich Deutscher Nation aus etwa 1790 eigenständigen Herrschaftsgebiet und ist von einem permanenten Gegeneinander der Reichs Stände, also der Kurfürsten, Fürsten, Reichs, Ritter und Reichsstädte geprägt. Hinzu kommen konfessionelle Spannungen zwischen katholischen und evangelischen Reichsstädte, die auf die Reformation und auf den Dreißigjährigen Krieg zurückzuführen sind.

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Und der Gegensatz der beiden Großmächte Preußen und öSTERREICH, deren Herrschaftsgebiet er sich sogar über die Grenzen hinaus erstrecken. Die Wurzeln dieser Vielfalt liegen im Mittelalter.

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Frankreich und Deutschland haben sich hier aus dem karolingischen Reich entwickelt und aus der Reichs Teilung des karolingischen Reiches, und das Entscheidende ist, dass das Ost Frankenreich, das spätere Heilige Römische Reich, eben diese Kaiser würde sich genommen hat, gewissermaßen.

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Die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches halten sich viel in Italien auf Als Herrscher über die Christenheit beanspruchen sie eine sakrale Würde, in schwere Konflikte mit dem Papsttum führt. Anders als die französischen Könige können sie aber keine stabile Hausmacht in ihrem Kerngebiet aufbauen. Von ihrer Schwäche profitieren die lokalen Herrscher in den einzelnen deutschen Territorien.

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Genau genommen ist auch die föderative Struktur der Bundesrepublik noch ein später Abglanz dieser Ordnung. In der Französischen Revolution von 1789 geht es vor allem darum, die Monarchie von Gottes Gnaden abzuschaffen und ein Parlament und eine Verfassung zu erkämpfen. Aber einen Nationalstaat müssen die Revolutionäre nicht errichten.

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Der ist in einer vormodernen Variante bereits vorhanden. Das ist in Deutschland nicht so eine Entwicklung wie in Frankreich, ist also nicht möglich. Zwar begeistern sich auch viele Deutsche für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, für Bürger und Menschenrechte, für Ideen also, die sie aus der Philosophie der europäischen Aufklärung kennen. Doch Revolutions, Terror und Revolutions Kriege schließlich die Herrschaft Napoleons über den Kontinent stellen die französische Vorbildfunktion in Frage. Napoleons Siege versetzen dem morschen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation 1806 den Todesstoß.

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Unter seiner Herrschaft wird die Zahl der deutschen Staaten erheblich reduziert, und in Justiz und Verwaltung kommt es zu entscheidenden Reformen. Doch trotz dieser Modernisierungen wird seine Herrschaft als drückend erlebt. Denn die deutschen Staaten haben ihre Souveränität verloren und sind durch Bündnisverpflichtungen erheblich belastet. Das kränkt die deutsche Nationalbewegung, die übrigens keineswegs von der großen Masse des Volkes getragen wird. Den einfachen Leuten ist das Deutschsein weitgehend egal. Sie identifizieren sich mit der Gegend, in der sie leben. Nationales Gedankengut findet man hauptsächlich im Bildungsbürgertum und an den Universitäten.

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Und hier mischen sich die Ideen von 1789 mit rückwärtsgewandter Deutschtümelei.

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1813 beginnen unter Beteiligung Preußens die Befreiungskriege gegen Napoleon. Der Schriftsteller Ernst Moritz Arndt fordert in seinem Kampflied Was ist des deutschen Vaterland einen großdeutschen Nationalstaat. Arndt ist bis heute umstritten. Die einen würdigen den Verfechter von Bürgerrechten und Bauernbefreiung als entscheidenden Motivator im Kampf gegen die französische Besatzung und als Streiter für die Einheit Deutschlands. Andere erschrecken wegen seines Franzosen Hasses und seiner fremdenfeindlichen und antisemitischen Ausfälle. Der nationale Gedanke ist janusköpfig. Die Juden als Juden passen nicht in diese Welt und in diese Staaten hinein.

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Jedes Volk behalte das seine und bilde tüchtig aus, hüte sich aber vor aller Bulat Ray mit dem Fremden. Viele deutsche Dichter und Denker, vor allem der Romantik, glauben an die besondere Sendung Auserwähltheit und überlegenheit des deutschen Volkes und kompensieren so den Mangel an konkreten politischen Perspektiven. Und so ist die Enttäuschung groß, als nach dem Sieg über Napoleon ein deutscher Nationalstaat überhaupt nicht zur Debatte steht. Die europäischen Mächte wollen kein neues Machtzentrum in ihrer Mitte, und die Fürsten wollen Herrscher von Gottes Gnaden bleiben.

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Und so mündet die Neuordnung Europas in eine Restauration der alten Ordnung. Der Deutsche Bund, 1815 gegründet, ist eine lockere Konföderation der schon bestehenden Einzelstaaten. Auch nicht deutsche Monarchen sind Mitglied dieses Staatenbundes, und Preußen und öSTERREICH haben weite Gebiete außerhalb seiner Grenzen. Das Nationalstaats Prinzip steht also auf völlig verlorenem Posten und die Nationalbewegung wird immer mehr und mit polizei staatlichen Methoden unterdrückt. Gegenwehr artikuliert sich auf dem Hambacher Fest 1832. Zehntausende Menschen, so viele wie nie zuvor, strömen zum Schloss, um für Demokratie und Einheit einzutreten.

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Auf dem Hambacher Fest wird zum ersten Mal die schwarz rot goldene Fahne entrollt. Die Farben stammen aus der Zeit der Befreiungskriege, aber jetzt zeigen sich die deutschen Patrioten viel weltoffener und demokratischer als damals. Der Schriftsteller und Jurist Johann Georg August wird wirbt um Verständigung mit den Patrioten aller Nationen, die für Freiheit, Volk und Völker Glück, das Leben einzusetzen, entschlossen sind hoch. Dreimal hoch leben die Vereinigten Staaten Deutschlands hoch, dreimal hoch das konföderierten republikanische Europa. Das Bürgertum will die Einheit Deutschlands unter anderem auch deswegen, weil es einen einheitlichen deutschen Binnenmarkt braucht und natürlich auch Mitspracherechte, um seinen wachsenden wirtschaftlichen Einfluss politisch gestalten zu können.

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Gleichzeitig wächst als Folge der Industrialisierung das soziale Elend in den unteren Schichten. Das trägt erheblich zur Stoßkraft der revolutionären Erhebungen bei, die um 1830 ganz Europa erschüttern. 1848 kommt es auch in Deutschland zur Revolution. Es wird geschehen. Es wird geschehen. Die Zeit ist nicht mehr fern. Da werden all die hohen Herren an die Laternen.

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Um den politischen Radikalismus einzudämmen, setzt sich das liberale Bildungsbürgertum an die Spitze der Bewegung. In der Frankfurter Paulskirche ringen die Abgeordneten des ersten gesamtdeutschen Parlaments mehrheitlich um einen Nationalstaat mit konstitutioneller Monarchie. Dabei scheitert die großdeutsche Lösung, das heißt ein geeintes Deutschland mit öSTERREICH ebenso wie Plan B die kleindeutschen Lösung unter Führung Preußens.

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Zu stark ist der Widerstand der Fürsten, die ihre überlieferte Herrschaftsform und das europäische Gleichgewicht in Gefahr sehen. Der Deutsche Bund bleibt bestehen und ist außerdem auch noch zunehmend belastet durch die preußisch österreichische Rivalität.

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1866 kommt es zwischen beiden Mächten zum Krieg. Preußen siegt und erzwingt die Trennung österreichs von den deutschen Staaten. Nach zwei weiteren Kriegen gegen Dänemark und Frankreich setzt der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck 1871 die Reichsgründung durch. Maßgeblich für den deutschen Sieg über Frankreich ist die Schlacht bei Sedan, die auf beiden Seiten etwa 26 000 Tote fordert. Der Einsatz modernster Waffen weist auf die vernichtenden Kriege des 20. Jahrhunderts voraus. Die kleine deutsche Lösung hat gesiegt und um ihr etwas Glanz zu verleihen, wirkt Otto von Bismarck die Krönung des preußischen Königs Wilhelm des Ersten zum deutschen Kaiser.

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Der nationalliberale Historiker Heinrich von Sybil jubelt. Wodurch hat man die Gnade Gottes verdient, so große und so mächtige Dinge erleben zu dürfen? Was 20 Jahre, der Inhalt alles Wünschen und Strebens gewesen, das ist nun in so unendlich herrlicher Weise erfüllt. Die Einheit ist verwirklicht. Das freut auch die Nationalliberalen. Dass es mit der Freiheit schon schlechter aussieht, stößt manchen trotzdem übel auf.

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Im Deutschen Reich haben die militärischen und aristokratischen Eliten großen Einfluss. Auch am Reichstag vorbei, und der Monarch und sein Kanzler Bismarck behaupten gegenüber dem Parlament eine starke Stellung. Doch Bismarcks Obrigkeitsstaat vermag auch das Besitz Bürgertum an sich zu binden, das wirtschaftlich von ihm profitiert. Bald ist Bismarck für die meisten Deutschen ein Held. Der Kult um seine Person ist Bestandteil eines Nationalbewusstseins, das den Marktstart glorifiziert und demokratische Traditionen als Irrweg ansieht.

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Außenpolitisch zeigt sich Bismarck allerdings eher zurückhaltend. Er weiß, wie prekär die Mittellage des Reiches zwischen den angrenzenden Großmächten ist, sagt Professor Andreas Wirsching.

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Ich glaube, es wäre eine Verkürzung, dem Bismarck reich apriori Zeugnis auszustellen, dass es den Keim der staatlichen Hybris gewissermaßen von Anfang an in sich trug. Das war ja auch Bismarcks Politik seit Mitte der 1870er Jahre, dass er auf die Saturiertheit des Kaiserreiches abgehoben hat und sich als ehrlicher Makler zwischen den Grossmacht Interessen der anderen stilisieren konnte. Wenn man aber genauer hinguckt, wird man schon die Frage stellen müssen, ob nicht in dem Kaiserreich doch auch Kräfte angelegt waren, die zur überwindung des Status quo schon gedrängt haben.

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Dazu gehört die schiere Dynamik, die schiere wirtschaftliche, industrielle Dynamik, die natürlich auf den Erwerb weiterer Absatzmärkte gedrängt hat. Dazu gehört aber auch das Problem, dass es eine kleine deutsche Nationalstaats Gründung war. Das heißt, ein Großteil der Deutschen lebt in der Habsburgermonarchie und nehmen nicht teil an diesem Reich. Trotzdem würde ich sagen, es gibt keinen Determinismus.

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Nach der Thronbesteigung Kaiser Wilhelms des Zweiten, wird Bismarck 1890 entlassen, und eine neue Generation kommt ans Ruder, für die eben nicht mehr 871 die Erfüllung ihrer Träume war, sondern wo andere Zukunftsvisionen sich entwickeln.

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Und die sind in der Tat nun sehr viel nationalistischer und imperialistischer und schüren die internationalen Konflikte kräftig mit, die in die Katastrophe des Ersten Weltkriegs mit zehn Millionen Toten münden.

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Nach der deutschen Niederlage 1918 ist die Monarchie im Deutschen Reich. Am Ende der Weimarer Republik sollen die Deutschen nun lernen, deutsch und demokratisch zu sein, ohne Monarch und Dynastie, aber mit einem starken Reichspräsidenten als Ersatz Kaiser. Doch große Teile der Führungsschicht lehnen die Republik ab. Besonders den Versailler Friedensvertrag, den sie als Schmach empfinden bei ihnen und bei denen von der Weltwirtschaftskrise verunsicherten Massen findet die Agitation Adolf Hitlers Anknüpfungspunkte an die Macht gekommen. Befriedigen die Nationalsozialisten unter anderem durch den Anschluss österreichs großdeutsche Sehnsüchte nach Macht und Größe.

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Doch in den Vernichtungsfeldzug, Zügen des Zweiten Weltkriegs und den Massenmorden an den Juden und anderen als rassisch minderwertig betrachteten Menschen wird offenkundig Hitlers wahre Ziele haben mit dem traditionellen Nationalismus wenig zu tun.

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Hitler hat sich als der Nationalheld gewissermaßen der Deutschen stilisiert. Aber wenn man sich seine Ideologie, wie er sie etwa in Mein Kampf bereits niedergelegt hat, ansieht, dann spielt die Nation, im übrigen auch der Staat eigentlich nur eine instrumentelle Rolle. Der Kern seiner Vorstellungen ist rassistisch. Es geht bei Hitler darum, für eine Herrenrasse bezeichnete imaginäre Gruppe der Deutschen, aber eben auch alle Menschen, die man als Deutsche gewissermaßen reklamieren kann oder als Arier. Für diese Herrenrasse den entsprechenden Lebensraum zu schaffen.

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Es geht eigentlich darum, diese Grenzen immer weiter auszuweiten, um sie dann mit rassisch wertvollen Anführungszeichen zu besiedeln.

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Nach der Kapitulation 1945 ist Deutschland auf dem Tiefpunkt seiner Geschichte und Deutschsein eine Schande. Die Teilung Deutschlands, die aus dem Zerwürfnis der Siegermächte hervorgeht, gilt lange als gerechte Konsequenz eines verbrecherischen Krieges. Bundesrepublik und DDR werden zu Vorposten im Kalten Krieg zwischen den westlichen Demokratien und dem kommunistischen Osten. Während die Deutschen in der Bundesrepublik dank tatkräftiger Wirtschaftshilfe der USA relativ schnell im Wirtschaftswunderland ankommen, die Spielregeln der Demokratie und die Anbindung an den Westen schätzen lernen, erfahren die Bürger der DDR den Sozialismus sowjetischer Prägung als Instrument der Unterdrückung.

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Die DDR versucht zwar in ihrer zweiten Verfassung eine sozialistische Klassen Nationen zu proklamieren, die im Gegensatz zum reaktionären Westdeutschland die progressiven Traditionen der deutschen Geschichte beerbt und weiterentwickelt. Aber das kauft ihr so recht niemand ab. Umgekehrt Was will die Bundesrepublik bis hin in den Auftrag des Grundgesetzes?

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Immer ein Ziel die Nation frei über ihr Schicksal bestimmen zu lassen, durch freie Wahlen etwa. Und wenn da eine Nation gedacht wurde, wird es immer mindestens die beiden deutschen Staaten zusammen.

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In den ersten 20 Jahren beansprucht die Bundesrepublik einen Alleinvertretungsanspruch für das gesamte deutsche Volk. Doch mit der Entspannungspolitik wächst ab 1969 die Akzeptanz des Status quo. 1969 beschreibt der sozialdemokratische Bundeskanzler Willy Brandt in seiner Regierungserklärung die neuen gesamtdeutschen Herausforderungen so Die Deutschen sind nicht nur durch ihre Sprache und ihre Geschichte mit ihrem Glanz und Elend verbunden.

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Wir sind alle in Deutschland zu Hause. Wir haben auch noch gemeinsame Aufgaben und gemeinsame Verantwortung für den Frieden unter uns und in Europa. 20 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der DDR müssen wir ein weiteres auseinander leben, der deutschen Nation verhindern, also versuchen, über ein geregeltes Nebeneinander zu einem Miteinander zu kommen.

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Vor diesem Hintergrund scheint es politisch unkorrekt und auch nicht zweckdienlich weiter laut von Wiedervereinigung zu träumen. Den meisten Menschen fällt es zunehmend schwer, sich eine Welt ohne Ost-West-Konflikt auch nur vorzustellen. Daß die Geschichte dann doch über ihn hinweggeht, hat viele Gründe, unter anderem die schwindende wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Ostblocks und sein Unvermögen, mit der technologischen Entwicklung wirtschaftlich Schritt zu halten. Schließlich muss die Sowjetunion ihre Herrschaft über ihre Völker und Satellitenstaaten lockern. 1985 kommt mit Michail Gorbatschow ein ungewöhnlicher Generalsekretär an die Macht.

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Ohne den Wandel in der politischen Großwetterlage, sprich den Gorbatschows Reformen, wäre dieser Prozess undenkbar gewesen. Der Schlüssel zur deutschen Einheit liegt primär in Moskau. Der liegt auch nicht in Leipzig oder so. Wichtig ist, dass der Schlüssel dann auch abgeholt worden ist von den Deutschen. Da spielen natürlich auch gerade die Bürgerrechtler und die Demonstrationen in der DDR eine wichtige Rolle.

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Nach dem Fall der Mauer ist ein gesamtdeutscher Nationalstaat nicht die einzige Zukunfts Option. Viele hoffen auf eine grundlegende Reform der DDR und auf zwei freundschaftlich verbundene deutsche Staaten. Doch die gemeinsam mit DDR Identität, falls es sie überhaupt je gegeben hat, ist nicht stark genug, um Menschen zu binden, denen jetzt auch der andere Teil Deutschlands offensteht.

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Das unterscheidet die DDR von anderen postkommunistischen Staaten, die sich als Nationalstaaten Polen, Ungarn eine stärkere Einheit gebildet haben, sodass der Staat sich insgesamt gewissermaßen vom Sozialismus Kommunismus befreien konnte und einen neuen Weg finden konnte. Das war für die DDR meines Erachtens nie eine wirkliche Möglichkeit, und das hängt schon zusammen mit der Idee der deutschen Nation, die auch durch die gemeinsame Sprache, durch die gemeinsame Kultur, durch die gemeinsame Geschichte, dann doch im Sinne einer Vorstellung, dass man zusammengehört, ihre historische Wirkung getan hat.

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Das anfängliche Misstrauen des westlichen Auslands weicht der Erkenntnis, dass der europäische Einigungsprozess ohne die deutsche Einheit nicht möglich sein wird. Bereits in der alten Bundesrepublik hat man die überwindung der deutschen Teilung immer im Kontext der überwindung der europäischen Teilung gesehen.

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Ich glaube schon, dass auch die bundesdeutsche Politik, da braucht man nicht unbedingt bei Kohl anzufangen. Man kann bei Adenauer anfangen können, bei Brandt und Schmidt weitermachen, bis dahin ein vertrautes Potenzial schon akkumuliert hatte, das gewissermaßen auch abgenommen worden ist von den westeuropäischen Nachbarn.

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Dass das tatsächlich funktionieren kann mit der Zustimmung Gorbatschows zur gesamtdeutschen Nato-Mitgliedschaft, ist der Weg frei für die Einheit nach westlichen Vorstellungen. Im August 1990 beschließt die Volkskammer der DDR den Beitritt zur Bundesrepublik, der am 3. Oktober 1990 mit einem Staatsakt in der Berliner Philharmonie gefeiert wird. Bundespräsident Richard von Weizsäcker wirbt um Vertrauen für das geeinte Deutschland.

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Zum ersten Mal bilden wir Deutschen keinen Streitpunkt auf der europäischen Tagesordnung. Unsere Einheit wurde niemandem aufgezwungen, sondern friedlich vereinbart. Sie ist Teil eines gesamteuropäischen geschichtlichen Prozesses, der die Freiheit der Völker und eine neue Friedensordnung unseres Kontinents zum Ziel hat.

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Mit der Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als polnische Westgrenze im November 1990 stehen die Grenzen der Bundesrepublik fest. Deutschland ist jetzt ein Nationalstaat, unter anderen eingebunden in die Europäische Union. So wächst zusammen, was zusammengehört die Teile Deutschlands und die Teile Europas. Bei diesem Prozess ist freilich noch nichts endgültig gelöst.

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Hier gibt es noch viele offene Fragen und große Herausforderungen. Das war Radio Wissen, ein Podcast von Bayern 2. Autorin Brigitte Kohnen, Regie Martin Trauner. Erst sprachen Beate Himmel Stoß und Frank Mansholt Technik Susi Hasim, Redaktion Thomas Moravec. Wenn Sie noch mehr über den Prozess der Wiedervereinigung von Bundesrepublik und DDR erfahren wollen, empfehlen wir die Folge die deutsche Wiedervereinigung. Wir sind ein Volk von Julia Devlin, und wenn Sie keine Folge mehr verpassen wollen, abonnieren Sie Radio Wissen unter Baiern 2D, Slash Podcast.