Transcribe your podcast
[00:00:03]

Die ganze Welt des Wissens Podcast von Bayern 2.

[00:00:11]

Radio Wissen Heute gehts um Revolution oder Ordnung? Diese Frage stellt sich, wenn die Krise über die Welt hereinbricht. Sie hat sich auch dem Philosophen Wilhelm Friedrich Hegel gestellt, als er als junger Student von der Französischen Revolution erfahren hat. Revolution oder Ordnung? Beides lebt in seinem Denken und wirkt in seinem Leben. Hegel ein Denker im Widerspruch.

[00:00:40]

Unter dem Fenster quieken die Ratten. Die Betten sind hart und das Essen ist dürftig. Doch die WG 1790 hinter dem feuchten Gemäuer des Tübinger Stifts entsteht, ist einzigartig in der deutschen Geistesgeschichte.

[00:00:56]

Hier teilen sich drei Studenten ein Zimmer, die großes vorhaben das war eine höchst spannende, brisante Konstellation, die am Stift entstanden ist.

[00:01:11]

Schelling, Hölderlin und Hegel wurden natürlich die Galionsfiguren der Philosophie.

[00:01:18]

Klaus Vieweg ist Philosophieprofessor in Jena und hat eine Biografie über Georg Wilhelm Friedrich Hegel geschrieben, den Vollender des deutschen Idealismus und einen der einflussreichsten Philosophen der Moderne.

[00:01:33]

Hegel ist der erste Philosoph, der die Welt historisch denkt. Mit ihm kommt Geschichte in die Philosophie. Zugleich ist er der letzte Philosoph, der die ganze Welt in einem einheitlichen Gedanken System erfasst. Mit ihm wird die Philosophie für eine kurze Zeit wieder zur Königin der Wissenschaften.

[00:01:56]

Georg Wilhelm Friedrich Hegel wurde am 27. August 1770 in einer Stuttgarter Beamten Familie geboren. Nach dem Gymnasium kam er zur Priester Ausbildung ans Tübinger Stift. Als Hegel dort mit den beiden Freunden Friedrich Hölderlin und Friedrich Schelling ein gemeinsames Zimmer bezieht, ist er gerade zwanzig.

[00:02:17]

Im Studium herrscht ein mönchischen Regime. Schon zum Aufstehen um fünf Uhr morgens gibt es auf leeren Magen ein Kapitel aus dem Neuen Testament, dann Vorlesungen, während des Mittagessens wird gepredigt, Seminare, Ausgang nach dem Abendessen. Wer später als 9 Uhr zurück im Stift ist, wird in den Karzer gesperrt. Auch Hegel muss dort gelegentlich büßen. Welch fürchterliche Burg eine höchst slawische Behandlung, Arbeit, moralischer Despotismus, klagen die Studenten. Auch der junge Hegel leidet.

[00:02:58]

Er ist ein Verfechter der Aufklärung, liest griechische Tragödien und den Philosophen Rousseau. Außerdem schaut er gern auch mal tiefer ins Glas und spielt Karten. Ein beliebter Zeitgenosse, aber ziemlich träge. Das geht aus seinem Freundschafts Buch hervor, sagt die Ausstellungs Kuratorin Heike Reiß aus dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach.

[00:03:21]

Egel hatte tatsächlich bei seinen Studienkollegen den Spitznamen Der Alte oder Alter. In diesem Stammbuch wird er netterweise mit Krücke und Buckel dargestellt, und der Freund wünscht ihm Glück. Gott sei dem armen Alten gnädig, und zwar bei einer Liebesaffäre, weil Hegel, einer der beliebtesten jungen Mädchen in Tübingen hergestellt ist wie viele andere.

[00:03:44]

Die Ereignisse aus Paris dringen plötzlich ins Stift.

[00:03:48]

Es ist der Sommer 1789, und eine große Revolution erschüttert Frankreich. Unter den Tübinger Studenten löst sie großen Enthusiasmus aus. Sie gründen heimlich einen politischen Club und lesen französische Zeitungen. Bei geheimen Trinkgelage singen sie die Marseillaise.

[00:04:10]

Die tiefe Verbundenheit zur Französischen Revolution ist Hegel bis zu seinem Tod geblieben.

[00:04:16]

Jedes Jahr am 14. Juli soll er zum Jahrestag des Sturms auf die Bastille ein Glas Champagner getrunken haben, sagt Hegel Biograf Klaus Vieweg.

[00:04:27]

Hegel ist ja der Meinung, jetzt, mit der Französischen Revolution, beginnt ja die Morgenröte der Freiheit, ein ganz neues Stadium der Weltgeschichte, wo es möglich ist, eine freie Existenz der Menschen zu garantieren.

[00:04:42]

Angekündigt hatte sich die neue Epoche schon bei Immanuel Kant, der die Freiheit in den Mittelpunkt seines Denkens gestellt hat. Auch Kants Schriften stehen in Tübingen auf dem Lehrplan. Sie werden von den Studenten mit Begeisterung gelesen. Doch bei Kant hat Freiheit einen hohen Preis. Der Mensch ist hier ein doppeln Wesen. Er trägt einen ständigen Kampf zwischen Vernunft und Trieb. Schmerzlich spüren die jungen Denker im Tübinger Stift diesen Widerspruch und wollen ihn überwinden. Sie sind von einem tiefen Bedürfnis durchdrungen nach Versöhnung dieser gespaltenen Welt.

[00:05:19]

In dieser Stimmung schreibt Hölderlin an seinem Briefroman Hyperion. Wie der Zwist der Liebenden sind die Dissonanzen der Welt. Versöhnung ist mitten im Streit, und alles Getrennte findet sich wieder.

[00:05:32]

Hölderlins Sehnsucht hatte einen großen Einfluss auf die Studienfreunde Schelling und Hegel, sagt Heike Reiß vom Deutschen Literaturarchiv in Marbach.

[00:05:42]

Ich würde sagen, Hölderlin ist quasi die treibende Kraft, weil der andauernd was will. Der träumt von der großen Liebe, diese ganzen extrem aufgeladenen höheren Begriffe mit hinein, den Glauben an die Götter Griechenlands, die da wieder kommen, an so etwas wie Erwählung und an Schicksal. Wenn man so will die Begriffe, die sie in der Theologie wieder abschaffen, über die Antike Mythologie, Freundschafts, System hinein. Ich würde schon sagen, dass ganz viel, was an ein Traum von Größe und Absolutheit bei Hegel drinsteckt, letztlich auch Hölderlin mit In die Freundschaft eingespielt hat.

[00:06:20]

Hegel, Schelling und Hölderlin suchen gemeinsam nach dem höheren Prinzip für Dichtung, Philosophie und Leben. Es soll die moderne Welt wieder versöhnen. Auf knapp zwei Seiten entwarfen die Freunde gemeinsam ein radikales philosophisches Programm. Es ist heute unter dem Namen Das älteste System Programm des deutschen Idealismus bekannt. Wir wollen die Poesie als Lehrmeisterin der Menschheit. Wir fordern die Abschaffung des Staates, absolute Freiheit aller Geister, die die intellektuelle Welt in sich tragen und weder Gott noch Unsterblichkeit außer sich suchen dürfen.

[00:06:59]

Die erste Idee ist natürlich die Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien Wesen mit dem freien, selbstbewussten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt aus dem Nichts hervor, die einzig wahre und denkbare Schöpfung aus nichts. Hegel ist während seiner Studienjahre ein leidenschaftlicher Verfechter der Freiheit. Sie wird zu dem zentralen Begriff seines Denkens. Seinen Kommilitonen bleibt es nicht verborgen, sagt Klaus Vieweg.

[00:07:33]

Einer hat es am schönsten getroffen, der schreibt Ist es unglaublich, in Hegels Stammbuch hinein Freiheit denken? Es ist, wie wenn Hegel das dann realisieren wollte. Das ist unglaublich, dass ein Kommilitone das auf den Punkt bringt, und Hegel macht das Wort. Nach dem Studium beginnen für Hegel die Jahre der Wanderschaft In Berlin und Frankfurt unterrichtet er Kinder aus gutem Hause.

[00:08:03]

Er bleibt jahrelang ein unbedeutender schwäbischer Hauslehrer, während seine Freunde erste Erfolge feiern.

[00:08:09]

Hölderlin veröffentlicht nach dem Studium seinen Hyperion, und der geniale Schelling wird als 23 jähriger Professor in Jena. Schiller und Goethe haben vermittelt. Auch Hegel will unbedingt nach Jena. Es war der Ort der Philosophie damals, das war die Hauptstadt, das war der Zentraleuropas der Philosophie. Sein Freund Schelling war ja da.

[00:08:33]

Die führenden Intellektuellen und Dichter hatten sich in Jena zusammengefunden. Das ist eine einmalige Situation. Es gab zwei kreative Epochen in der europäischen Philosophie.

[00:08:46]

Im alten Athen und im neuen Jena 1801 kommt Hegel dort an. Er ist jetzt Anfang dreißig und will sich im literarischen Saus Jenas endlich einen Namen machen. Er doziert an der Universität und gründet mit seinem Freund Schelling eine Zeitschrift. Die Philosophie soll wieder eine Gewissheit stiften, die dem Glauben an Gott in der modernen Welt abhanden gekommen ist. Doch dafür muss die Philosophie einen Anfang finden, der selbst gegen jeden Zweifel erhaben ist, erläutert der Philosophie weg, bevor das Problem des Anfangs nicht geklärt ist.

[00:09:24]

Kann ich so ein Buch nicht schreiben? Und die Klärung des Anfangs? Das ist die berühmte Phänomenologie des Geistes. Da will Hegel, das ist sein Grundanliegen, das Problem grundsätzlich klären. Womit muss Philosophie anfangen?

[00:09:43]

Die Phänomenologie des Geistes ist das erste große Werk Hegels und gehört zu einem der schwierigsten Bücher der Philosophiegeschichte. Die Suche nach dem Anfang der Philosophie wird darin zu einer faustischen Entdeckungsreise. Darin begleiten wir das Bewusstsein auf seinem Weg durch die verschiedenen Stufen des Wissens, vergleichbar mit der Entwicklung eines Kindes. Schlägt das Bewusstsein zunächst die Augen auf bei sich selbst und seiner sinnlichen Wahrnehmung. Dann nimmt es plötzlich seine Mutter war, von der es abhängig ist. Schritt für Schritt erweitert das Bewusstsein seinen Horizont.

[00:10:23]

Da ist der Vater, dort die Geschwister und andere Menschen. Langsam erlernt ist das Zusammenleben in der Familie, lernt die Sitten eines Volkes und die Gesetze eines Staates kennen.

[00:10:37]

Das Bewusstsein wird immer allgemeiner und sucht schließlich auch die verborgene Wahrheit der Kunstwerke, der Götter und der Philosophie.

[00:10:47]

Aus dem Kind ist ein Philosoph geworden, der seinen Ort im Universum begreift. In diesem Buch ist bereits Hegels ganze Philosophie vorgezeichnet.

[00:10:59]

In seinen eigenen Worten ist die Phänomenologie des Geistes der Weg des natürlichen Bewusstseins, das zum wahren Wissen drängt.

[00:11:09]

Der Weg der Seele, welche die Reihe ihrer Gestaltungen als durch ihre Natur, ihr gestecktes Stationen durchwandert, dass sie sich zum Geist erläutere, indem sie durch die vollständige Erfahrung ihrer selbst zur Kenntnis desjenigen gelangt, was sie an sich selbst ist. Das Wesen, das diese Entwicklungs Reise vollzieht, ist aber nicht ein Kind oder ein einzelner Mensch, sondern es ist der Geist, wie ihn Hegel nennt. Der Geist ist eine alles durchdringende Welt Vernunft. Er durchläuft einen geschichtlichen Prozess, an dessen Ende der Geist sich selbst erkennt.

[00:11:48]

Wo die welterkenntnis zur Selbsterkenntnis geworden ist, kommt es zur großen Vereinigung von Mensch und Natur, von Vernunft und Trieb. Im Hegelschen Geist ist die Zerrissenheit der modernen Welt nicht einfach verschwunden. Der Widerspruch ist vielmehr zum Motor aller Entwicklung geworden. Der Geist arbeitet sich durch die Widersprüche hindurch und dringt so immer tiefer in das Wesen der Dinge ein. Dieser Weg durch den Widerspruch heißt Dialektik und findet sich überall bei Hegel.

[00:12:22]

Hegels ganze Philosophie besteht aus diesem ständigen übergang von einer Sache in ihr Gegenteil. Alle fixen Begriffe verflüssigen sich, alles gerät in Bewegung, und die Sprache zieht den Leser in einen rauschhaften Sog hinein. Hegel musste diesen Sog auch beim Schreiben verspürt haben, sagt Heike Reiß aus dem Literaturarchiv in Marbach, wo einige seiner Manuskripte liegen.

[00:12:47]

Man sieht Auf den ersten Blick ist, das Hegel nicht einfach runter schreibt, was man bei Hegel sieht Er braucht das Papier als Gegenüber, und er nutzt das Papier auch als Dialogpartner. Und auch die Schrift ist vorläufig auch so weiß sieht man, weil er einfach sehr viel streicht. Hegel hat die Technik, dass er das Papier faltet und auf die rechte Spalte zunächst mal hin schreibt. Dann wird korrigiert und auf der linken Spalte noch ergänzt oder eben auch gegeneinander gestellt.

[00:13:13]

Das heißt, er läuft eigentlich permanent in einem überarbeitungen Modus.

[00:13:17]

Es ist eine turbulente Zeit, in der Hegel die Gedanken für sein Werk entwickelt. Er hat sich von Hölderlin und Schelling entfremdet. Geldnöte treiben ihn um, und seine Haushälterin ist schwanger mit einem unehelichen Kind von ihm.

[00:13:34]

Im Oktober 1806 stehen Napoleons Truppen vor Jena und aufersteht unter Kanonendonner, schreibt Hegel in der Nacht vor der großen Schlacht. Die Phänomenologie zu Ende. Das Manuskript verlässt mit dem letzten Transport die Stadt. Eine Abschrift gibt es nicht. Am kommenden Tag steht Hegel in einer Gasse in Jena und erblickt Napoleon Bonaparte den Kaiser. Diese Weltseele sah ich durch die Stadt hinausreichen. Es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, solches Individuum zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert auf einem Pferde sitzend über die Welt übergreift und sie beherrscht.

[00:14:18]

Es sind zwei Ereignisse, die da zufällig zusammenkommen, aber das passiert in der Geschichte. Die preußische Ordnung, der alte feudalen Ordnung, wird vernichtend geschlagen, und durch die Phänomenologie wird das alte Denken genauso vernichtet oder überwunden. Hegel schickt das Manuskript nach beim Drucken. Es ist unglaublich, das kommt an einem Tag zusammen.

[00:14:49]

Was Hegel an Napoleon bewundert, steckt auch in seiner Philosophie. Der Geist hat alle Regionen des Wissens erobert und auf dem Begriff der Freiheit sein geistiges Weltreich errichtet. Hegel beendet eine philosophische Revolution, die seit Kant in Gang ist, indem er die Widersprüche der Moderne, Vernunft und Sinnlichkeit miteinander versöhnt. Diese Zeit ist ein Wendepunkt der Epoche. Und sie ist ein Wendepunkt in Hegels Leben. Von nun an wird er seine Gedanken ordnen und zu einem System ausbauen. Hier beginnt sein Weg zum Staatsphilosophie.

[00:15:33]

Nach der Schlacht von Jena und aufersteht, verlässt Hegel Jena und geht nach Bamberg, wo er Zeitungsredaktion wird. Allerdings nur für ein Jahr, denn seine Zeitung ist dem bayerischen König zu liberal. Die Zensur setzt der Zeitung zu. Also wechselt Hegel bald nach Nürnberg, wo er Rektor am ersten humanistischen Gymnasium in Bayern wird. Er heiratet ein junges Mädchen aus dem Hause Tuche. Insgesamt acht Jahre bleibt das Ehepaar in Nürnberg. Während nach der endgültigen Niederlage Napoleons die Zeit der Restauration der europäischen Monarchien beginnt, schreibt Hegel an seinem zweiten großen Werk der Wissenschaft, der Logik.

[00:16:15]

War die Phänomenologie ein reißender Strom, der zum absoluten Wissen fließt, so ist die Logik eine Eiswüste der Abstraktion. Hier werden die elementaren Grundbegriffe des reinen Denkens entwickelt. Das seien das Wesen. Der Begriff. In den späteren Werken Hegels kehren diese Begriffe überall wieder. Sie blühen in den Knospen der Blumen, beschreiben die Bewegung der Sterne. Sie bestimmen den Aufstieg und Niedergang von Weltreiche. Denn die ewigen Gesetze der Logik durchdringen für Hegel die lebendige Welt und die Natur.

[00:16:54]

Die Wissenschaft der Logik macht Hegel endlich berühmt und mit dem Ruhm kommt auch der Ruf an die Universität erst nach Heidelberg, 1818 schließlich nach Berlin. Es ist der Gipfel seines Ruhmes. In der preußischen Hauptstadt werden Hegels Vorlesungen zu einem gesellschaftlichen Ereignis. Wichtige Gelehrte, höhere Beamte und Staatsmänner sitzen im Hörsaal, die engsten Schüler Hegels notieren jedes Wort. In den Vorlesungen entsteht das große Panorama seiner Philosophie. Hier wird die ganze Welt in sein System geformt die Natur, Kunst und Religion ebenso wie die Geschichte der Menschheit Epochen.

[00:17:35]

Mit 50 Jahren schreibt Hegel ein weiteres großes Hauptwerk, die Rechtsphilosophie. Diese Rechtsphilosophie ist natürlich ein Herzensanliegen von ihm. Das ist natürlich so, dass direkt danach, wo es zur Sache geht und was natürlich auch politisch heikel ist, sagt Klaus Vieweg.

[00:17:55]

In der Zeit der Restauration sind die Fragen nach dem Aufbau des Staates zu einer gefährlichen Angelegenheit geworden, vor allem für Hegel, dessen politisches Denken nach wie vor der Freiheit verpflichtet ist.

[00:18:08]

Der Staat ist die Verwirklichung der Freiheit, und es ist absoluter Zweck der Vernunft, dass die Freiheit wirklich sei. Der Staat ist der Geist, der in der Welt steht und sich in derselben mit Bewusstsein realisiert.

[00:18:25]

Wirklich wird die Freiheit laut Hegel erst in den Gesetzen und Institutionen des modernen Staates Vieweg resümiert Hegel war der erste, der den Menschen gründlich und auch konsequent als soziales Wesen gedacht hat.

[00:18:41]

Die Einzelnen konkurrieren auf dem Markt gegeneinander, steigern ihre Bedürfnisse und Leidenschaften ins Unermessliche. Hegel hat bereits die Zerwürfnisse eines entfesselten Marktes heraufziehen sehen, ebenso die wachsende Spaltung in Reiche und Arme und die destruktive Kraft des modernen Kapitalismus. Doch auch in diesen Widersprüchen sucht Hegel nach einem vereinigen Prinzip. Er findet es im Staat, im Staat werden die Konkurrenten zu Staatsbürgern und finden als Gemeinschaft zusammen. Denn der Staat ist mächtiger als alle einzelnen.

[00:19:20]

Der Mensch mag es wissen oder nicht. Die Freiheit realisiert sich als selbstständige Gewalt, in der die einzelnen Individuen nur Momente sind. Es ist der Gang Gottes in der Welt, das der Staat ist. Sein Grund ist die Gewalt, der sich als Wille verwirklichen, denn Vernunft.

[00:19:40]

Hegel geht hier einen Kompromiss mit dem Staat ein. Von seiner jugendlichen Forderung nach der Abschaffung des Staates ist jetzt nichts übrig geblieben.

[00:19:49]

Revolution ist für Hegel eine der Formen von möglichem Widerstand. Aber Hegel ist der Meinung, man solle das zunächst mit Reformen lösen. Die Reformen müssen weitergehen und braucht für Veränderung, aber zunächst mit reformorientierten Instrumenten und Mitteln.

[00:20:15]

Hegel hofft, der preußische Staat werde vernünftig, wenn er Hegel zum Staatsphilosophie. Doch die Reformen, auf die erwartet, kommen nicht. Stattdessen kommt die Cholera und nimmt im 1831 das Leben ganz plötzlich und unerwartet auf der Höhe seines Ruhmes. Als er auf dem Dorothée am Städtischen Friedhof neben dem Grab des Philosophen Fichte beigesetzt wird, zieht ein unabsehbar langer Trauerzug durch die Straßen von Berlin. Studenten, Professoren und hohe Staatsbeamte verabschieden ihren großen Meister.

[00:20:52]

Das Vermächtnis Hegels verdichtet sich in seinem wohl berühmtesten Satz. Das Vernünftige ist wirklich das wirkliche vernünftig. Hierin versammelt sich die ganze Doppeldeutigkeit der Hegelschen Philosophie. Denn diesen Satz kann man auf zwei Weisen verstehen als Aufforderung, die gesamte Wirklichkeit so zu verändern, dass sie vernünftig und frei wird. Oder als Beteuerung, dass in der Wirklichkeit alles mit rechten Dingen zugeht. Der Streit darüber hält bis heute an. Wie vernünftig ist die Wirklichkeit? Von der Antwort auf diese Frage hängt ab, welchen Hegel wir finden, denn der Doppelsinn ist die bleibende Erbschaft von Hegels Vereinigung Philosophie, Revolution und Ordnung.

[00:21:44]

Widerspruch und Versöhnung. In Hegel ist beides vereint. Seine Philosophie ist ein moderner Versuch, eine krisenhafte Welt zu verstehen. Der Geist sollte den Widerspruch der Moderne überwinden. Doch die Welt erstarrte politisch. Um an dem Gedanken der großen Vereinigung trotzdem festzuhalten, hat Hegel die Welt in Gedanken. Das war Radio Wissen, ein Podcast von Bayern 2, Autor dieser Folge Jazzy Sobotta. Regie führte Irene Schuck. Es sprachen Beate Himmel Stoß, Friedrich Schlosser und Andreas Neumann Technik Susanne Hara Hasim Redaktion Bernhard Kastner.

[00:22:39]

Wenn Sie keine Folge mehr verpassen wollen, abonnieren Sie Radio Wissen unter Baiern, 2D, Slash, Podcast und überall, wo es Podcasts gibt.