Transcribe your podcast
[00:00:03]

Die ganze Welt des Wissens Podcast von Bayern 2.

[00:00:11]

Hallo zu einer neuen Folge Radio wissen. Heute gehts um Heimat ein schwieriger Begriff. So vieles steckt drin.

[00:00:19]

Der spießige Gartenzwerg, Besitzer, die Blut und Boden.

[00:00:22]

Ideologie im Nationalsozialismus, die Fünfzigerjahre, Heimatfilme. In den vergangenen Jahren hat sich das Wort wieder verändert und neu belebt. Michael Zamek sah auf der Suche nach der Heimat Ich lebe jetzt mein künftiges Ministerium mit der Heimat.

[00:00:39]

Ich habe das Heimatmuseum des Heimat Ministerium Heimat Bayern gegründet.

[00:00:50]

Wer denkt denn beim Wort Heimat gleich ans Museum? Horst Seehofer jedenfalls hat mit diesem freudscher Versprecher für süffisante Schmunzeln unter den Anwesenden gesorgt, als er 2018 seinen Innenminister ressorts um ein Heimatrecht zur bereicherte Heimat.

[00:01:11]

Das war lange Zeit wirklich ein Fall für das Museum Schlagwort rechter Reaktionäre Gartenzwerg und Jägerzaun, dahinter ein alter Nazi, verklärt, verdammt verloren und jetzt neu entdeckt.

[00:01:29]

In der Musik, im Film, in der Werbung. Heimat ist wieder Trumpf als Label für das Ursprüngliche, Unverfälschte, ökologisch Unbedenkliche. Ein cooles Accessoire zur selbst Verortung. Es schwingt viel mit beim Wort Heimat zu viel jedenfalls, um mit diesem Begriff unbeschwert umzugehen. Heimat als Gefühl, als Ort, als Utopie, als Himmel und Hölle für die anderen.

[00:01:59]

Wo das Herz sitzt, ist für mich Heimat, das man zuhause hat, einfach Heimat, deine Familie.

[00:02:06]

Klar ist auch Heimat steht unter Generalverdacht. Ein gefährlicher Begriff oder ein gefährdeter. Ist Heimat noch zu retten? Muss das Wort überhaupt gerettet werden? Es gibt nicht wenige, die keinen Wert darauf legen, während andere versuchen, Heimat mit neuer Bedeutung zu füllen.

[00:02:27]

Geboren ist Aufwachsens. Das ist die Heimat, so geborgen das Gefühl, dass es tatsächlich so kitschig. Aber es ist ein warmes Gefühl im Herzen.

[00:02:37]

Und diese Emotionen machen Heimat so unscharf, so individuell und so gefährlich, wie manche finden. Nicht umsonst steht der Begriff bis heute unter Generalverdacht als Verbrämung von Völkisches, von nationalem, nationalistischem. Aber stimmt das auch? Einer Umfrage des Allensbach-Instituts aus dem Jahr 2018 zufolge denken lediglich sieben Prozent der Befragten beim Wort Heimat an Deutschland. Ein Drittel dagegen an den Wohnort und immerhin 22 Prozent an den Geburtsort oder die Region, in der sie aufgewachsen sind.

[00:03:18]

Beim Oktoberfest ist Lederhosen übrigens ist Heimat der Bescheidensten.

[00:03:27]

Im Mittelalter ist Heimat der Ort, an dem man sich niederlässt. Der Stammsitz bedeutet Heimat im Deutschen über Jahrhunderte hinweg vor allem Heimatrecht.

[00:03:38]

Das Eigentum an Haus und Grund ein fest umrissenen Besitz, eingebunden in eine oft dörfliche Gemeinschaft.

[00:03:45]

Das Heimatrecht beinhaltet auch das Recht, zu bleiben und im Alter oder in der Not auf die soziale Unterstützung der heimatlichen Gemeinschaft bauen zu dürfen.

[00:03:56]

Das bedeutet aber natürlich gleichzeitig auch den Ausschluss derer, die dieses Recht nicht haben. Ortsfremde, Andersgläubige, Heimatlose. Heimat ist also auch exklusiv.

[00:04:08]

Es war schon im 17. Jahrhundert eigentlich so, dass dieses Heimatrecht nicht nur durch Geburt an einem Ort erworben werden konnte, sondern auch zum Beispiel durch Heirat oder dadurch, dass man länger an einem Ort lebte.

[00:04:22]

Susanne Janowski ist Literatur und Kulturwissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin. In ihrem Buch Heimatgeschichte eines Missverständnisses geht sie gängigen Vorstellungen über Ursprung und Belegung des Heimatbegriff auf den Grund, und sie hinterfragt gängige Zuschreibungen, zum Beispiel diejenige, dass Heimat erst im 19.Jahrhundert zum Gefühls geladenen Begriff wurde.

[00:04:46]

Gerade im 17. Jahrhundert spielt die Heimat in der christlichen Ikonografie eine Rolle, denn die Heimat ist dann oft der Himmel.

[00:05:02]

Viele kennen sicherlich Kirchenlieder von Paul-Gerhard Ich bin ein Gast auf Erden, noch in dem Wort heimgehen als Euphemismus für Sterben. Und wenn es um so existenzielle Dinge geht wie Leben und Tod, bekommt man eine Zugehörigkeit oder nicht? Dann kann ich mir nicht vorstellen, dass es ein nüchternes Wort gewesen sein soll.

[00:05:24]

Und dennoch So richtig in Mode kommt der Heimatbegriff in der romantischen Literatur des frühen 19. Jahrhunderts, wenn auch noch mit anderen Zuschreibungen, als sie uns heute zur Heimat einfallen.

[00:05:35]

Heimat finden wir in Gedichten, in Märchen, in romantischen Romanen, aber interessanterweise nicht unbedingt in dem Sinne, wie wir denken, als Verherrlichung eines ländlichen Idyll oder das Zuhause bleiben die Trägen, die zu Hause liegen. Das sind die Philister. Ihr Interesse gilt nicht der großen weiten Welt, sondern ausschließlich der heimatlichen Scholle.

[00:06:23]

Die Romantiker waren große Philister, Kritiker und haben das Zuhause bleiben eigentlich verachtet. Die Hauptfiguren der romantischen Romane wollen immer in die Welt ziehen und die blaue Blume suchen oder die Poesie, das Unendliche, was auch immer. Sie wollen eben gerade dicht in der Heimat bleiben und verachten die Philister, die zu Hause bleiben und nur arbeiten.

[00:06:45]

Eine politische Bedeutung bekommt der Heimatbegriff erst in den 1830er Jahren mit dem Ringen um einen demokratischen deutschen Nationalstaat gegen den repressiven Deutschen Bund, der unter der Führung österreichs die deutschen Einzelstaaten seit 1815 lose zusammenhält. Heimat wird nun zum Kampfbegriff für liberale Intellektuelle und Studenten. Zum Beispiel auf dem Hambacher Fest, wo im Jahr 1832 rund 30000 Menschen die nationale Einheit Deutschlands und ein konföderierten, republikanisches Europa forderten.

[00:07:22]

Die benutzen den Begriff, um zu signalisieren Wir müssen erst eine Heimat schaffen, wir haben eigentlich noch keine. Insofern ist es ein politischer Begriff. Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs im Jahr 1871 wird dieser deutsche Nationalstaat Wirklichkeit allerdings nicht demokratisch, liberal und europäisch, sondern zentralistisch und autoritär. Zugleich macht der Fortschritt mit Telegrafie und Eisenbahn die Welt kleiner. Die Menschen rücken räumlich zusammen und wollen sich deshalb umso mehr klar verorten. Das heißt aber auch klarzumachen, wer nicht zur Heimat gehört.

[00:08:05]

Heimat wird nun ein Begriff zur völkischen und nationalen Abgrenzung. In seinem Essay Heimat als Utopie stellt der Schriftsteller Bernhard Schlink fest Der deutsche Nationalismus war schön, solange seine Sehnsucht unerfüllt blieb. Mit der Schaffung des Deutschen Reiches wurde er auftrumpfend, anmaßend und gierig Das Neue Reich in Europas Mitte wächst rapide zu, macht Koloss heran. Der Motor der dröhnenden Industrie Maschinerie ist das Heer der zugezogenen Landarbeiter. Ihr Leben wird jetzt nicht mehr von Ernte und Jahreszeiten bestimmt, sondern vom Takt der Stahl, Pressen und WEP Maschinen.

[00:08:51]

Es entwickelt sich eine Gegnerschaft zum Fortschritts Gedanken.

[00:08:54]

Susanne Janowski spricht von den zwei Kulturen die rationale und progressive Industriekultur auf der einen, die sentimentale konservative Heimat, Kultur auf der anderen Seite.

[00:09:06]

Und man sieht, dass diese beiden Kulturen in Deutschland besonders deshalb so krass aufeinanderstoßen, weil die Entwicklungen ebenso schnell viel schneller als in England, wo sich das über längere Zeit entwickelt hat, stattfinden. Und was geschieht, ist es, die materielle Welt stärker und stärker von Ingenieuren, von Chemikern, von Maschinenbauern gestaltet wird. Aber die ästhetischen Vorstellungen und die Traditionen und das, was man mit der deutschen Landschaft und den deutschen typischen Traditionen verbindet, das ist eben alles aus der Vergangenheit.

[00:09:42]

Heimat, das ist nun ein Ideal, die dörfliche Idylle einer verklärten Vergangenheit. Das Mühlrad am Bach, der mystische Wald, ein Wunschbild mit intakter Natur und altbekannten Lebensumständen.

[00:10:01]

Das Heimatdorf, saftig wehmütig, gezeichnet im Heimatroman, wird zum Trostpflaster für das triste Leben in der Mietskaserne der Industriestadt. Vor allem die Alpen, die Mittelgebirge, die Nord und Ostseeküste werden in dieser Zeit zu Tourismusregionen.

[00:10:22]

Immer mehr Deutsche sehen diese Heimat bedroht vom rasenden Fortschritt. Von den nach Revanche singenden Franzosen jenseits des Rheins oder von den Sozialdemokraten, denen Reichskanzler Bismarck als vaterlandslosen Gesellen die Heimat gleich ganz abspricht. Diese gefühlte Bedrohung der Heimat ruft an der Schwelle zum 20. Jahrhundert eine neue Bewegung auf den Plan die Heimat Bewegung.

[00:10:48]

Das sind nicht die Kapitalisten, gegen die ging es ja, weil die Bauten überall die Kraftwerke und die Fabriken und die Flüsse verdreckt. Und das sind wirklich eher die Bildungsbürger, bildungsbürgerliche Vereinigungen, Vereine, die san so kulturell ein bisschen ihre Felle davonschwimmen.

[00:11:04]

Als Gegenkultur zum Modernismus und Funktionalität werden nun überall im Reich anerkannte Heimatvereine gegründet. Das Schulfach Heimatkunde, die staatlich unterstützte Heimatpflege und die Volkskunde haben in dieser Bewegung ihre Ursprünge. Heimat, Volkstum und Vaterlandsliebe ergänzen und bedingen sich nun gegenseitig.

[00:11:26]

Es gibt eine ganz interessante Studie von einem Historiker hier am Max-Planck-Institut, der zeigt, dass in vielen Heimatverein auch ganz viele jüdische Bürger Mitglieder waren und sich ebenso engagiert haben. Dieser Typus des patriotischen jüdischen Deutschen ist eben gerade in dieser Zeit auch ungeheuer verbreitet.

[00:11:46]

Zu diesem neuen Heimat Bewusstsein gehört aber auch die völkische Bewegung. Sie verbindet den Heimatbegriff mit klar rassistischen Merkmalen, fördert Germanen, Kult und Antisemitismus. Zunächst als propagandistisches Schlagwort im Ersten Weltkrieg Die Heimatfront wird beschworen und auf Postkarten prangen kitschige Sinnsprüche. In der Heimat, in der Heimat gibt es ein Wiedersehen. Wieder ist Heimat ein Sehnsuchtsort. Nach der Machtübernahme im Jahr 1933 schalten die Nazis auch die Heimat Bewegung im Sinne ihrer Blut und Boden Ideologie gleich. Heimat wird zum diffusen Lebensraum für eine konstruierte Volksgemeinschaft.

[00:12:40]

Allerdings hat der traditionelle Heimatbegriff auch seine Tücken für das nationalsozialistische Gesellschaftsbild. Denn das sogenannte Dritte Reich als Zentralstaat hat kein reges Interesse an einem zu starken Heimat Bewusstsein der einzelnen Regionen. Und außerdem, so Susanne Janowski.

[00:12:58]

Wie passt das zusammen? Wenn ich von der Verbundenheit und von der Bodenständigkeit des Bauerntum spreche und gleichzeitig sage Jetzt marschieren wir mal in Polen ein und besiedeln mal diesen ganzen Osten. Dass das nicht zusammenpasst, sieht eigentlich jeder, der einmal drei Sekunden drüber nachdenkt.

[00:13:19]

Heimat als Tarn Begriff für einen Vernichtung und Eroberungskrieg. In der Propaganda der Nazis hat dieses Paradoxon bestens funktioniert.

[00:13:31]

Nach dem Ende der Nazi-Diktatur 1945 sind Millionen auf der Suche nach einer neuen Heimat befreite KZ-Häftlinge, ausgebombte Familien, Kriegsheimkehrer und Flüchtlinge aus den früheren deutschen Ostgebieten, die sogenannten Heimatvertriebenen. Und natürlich gibt es auch im anderen Deutschland in der DDR einen Heimatbegriff. Nur unterscheidet der sich wesentlich von dem im Westen. Die Heimat in der DDR ist der Sozialismus.

[00:14:01]

Da es auch Bücher von Philosophen, die darüber philosophieren, warum der Heimatbegriff sehr wohl ein völlig problemloser Begriff ist, wenn man ihn denn in einem sozialistischen System beschreibt. In der DDR waren eben auch diese heimer Treffen verboten. Man durfte die Heimatländer nicht singen et cetera et cetera.

[00:14:19]

Die SED-Führung bemüht sich allerdings nach Kräften, Ersatz Liedgut zu produzieren. Im sozialistischen Sinne, versteht sich. In den 50er Jahren lief die Produktion von Heimat Devotionalien auf Hochtouren. Kein Wunder, denn der Bedarf war groß.

[00:14:57]

Die Verwerfungen der unmittelbaren Kriegsfolgen, Entwurzelung und Vertreibung nähren die Sehnsucht nach der scheinbar heilen Heimat von früher.

[00:15:08]

Bedient wird diese Sehnsucht meisterhaft von der Filmindustrie der jungen Bundesrepublik Deren Rezept für den perfekten Heimatfilm verrät das Kabarett Ensemble um Helmut Qualtinger 1956.

[00:15:40]

Wenn das Wort Heimatfilm, dann schrillen bei allen die Alarmglocken bei Heimatfilm und Gartenzwerg sind so und Heimat, Literatur, Ganghofer, Grün ist die Heide und Gartenzwerg. Das sind Bereiche, von denen sich niemand freiwillig sagen würde. Das finde ich gut, das gefällt mir.

[00:15:59]

Susanne Janowski verteufelt den Heimatfilm der Wirtschaftswunderzeit dennoch nicht pauschal. Denn auch in rührseligen Kassenschlager wie Der Förster vom Silber, Wald oder Grün ist die Heide scheinen hinter der Kitsch Fassade die gesellschaftlichen Brüche der Nachkriegszeit durch die Integration von Vertriebenen, drohende Zerstörung der intakten Natur und Entfremdung durch galoppierenden Fortschritt.

[00:16:28]

Mit der Studentenbewegung in den späten 1960er Jahren gerät die kitschig verklärte Heimat Industrie ebenso unter Revanchismus Verdacht wie die Tage der Heimat, die der Bund Deutscher Heimatvertriebenen jährlich veranstaltet.

[00:16:42]

Die neuen Heimatfilme des jungen deutschen Kinos erzählen nun nicht mehr von Schwarzwald, Mädel und grüner Heide, sondern von Ausgrenzung, Hass und Enge der Provinz. Die dörfliche Heimat ist der aktuelle Gegensatz zur kosmopolitischen Stadtkultur. Da ist ein Platz in der Schrebergarten Siedlung schon fast der erste Schritt zur Barbarei, sagt die Berliner Kulturwissenschaftlerin Susanne Janowski.

[00:17:08]

Zumal in dieser Zeit noch eine hitzige Debatte über einen spezifisch deutschen Nationalcharakter geführt wird, der sich besonders dadurch auszeichnet, dass eine überbordende Sentimentalität direkt neben bestialischer Grausamkeit steht. Das Beispiel ist Rudolf Höß, der Kommandant von Auschwitz, der zur Arbeit geht und Juden vergast und zurückkommt und in seinem zauberhaften Garten mit den Kindern spielt und diesen Bruch offenbar erträgt. Das ist der Inbegriff dieses Ideologie kritisch betrachteten Spießers Theodor W.

[00:17:45]

Adorno als Vater der Kritischen Theorie. Die Galionsfigur der Frankfurter Schule, der vor den Nazis in die USA emigrieren musste und somit heimatlos geworden war, geht besonders hart ins Gericht mit allem, was so schal nach Heimat schmeckt. Und doch von einer kindlich wärmenden Sehnsucht scheint selbst der kühle Philosoph nicht unberührt zu sein. Er bezeichnet einen Urlaubsort seiner Kindheit als Heimat das Odenwald Städtchen Amur Bach. Dorthin kehrte er nach dem Krieg immer wieder zurück.

[00:18:26]

Nach dem Ende der Studentenbewegung kommt es zu einer zweiten großen Heimat Bewegung. Denn die Vertreter der Umweltbewegung entdecken Heimat für sich und interpretieren sie neu als schützendes und erhaltenswert.

[00:18:39]

Jetzt gab es Widerstand gegen immer neue Neubauviertel und immer neue Bürohäuser und immer neue Abriss. Projekte, Kahlschlag, Sanierung das war in Frankfurt und in Berlin genauso Heimat.

[00:18:51]

Das ist nun der solidarisch bewirtschaftete Bauernhof in der Lüneburger Heide. Das Bio Kollektiv. Die Bürgerinitiative gegen die Umgehungsstraße. Im Widerstand gegen Atommeiler, Schnelle Brüter und Startbahnen bilden sich ganz neue Allianzen, die noch ein paar Jahre vorher nicht denkbar gewesen waren. Susanne Janowski nennt als Beispiel die Proteste gegen den Bau des Atomkraftwerks Vil in den 1970er Jahren.

[00:19:18]

Die Winzer und die Bauern haben alle vorher CDU gewählt. Und plötzlich standen sie mit auf den Barrikaden gegen den Bau dieses Atomkraftwerks. Gemeinsam mit irgendwelchen Freaks aus Freiburg und Wissenschaftlern, die gegen Atomkraft opponierten, und wurden von der CDU Freiburg als Kommunisten beschimpft.

[00:19:37]

Provinz wird wieder salonfähig. Regionales bereichert nun den Heimatbegriff. Bernhard Schlink schreibt über dieses neue Bewusstsein.

[00:19:46]

Dass die Deutschen in den 70er Jahren die Region entdeckten, war nicht nur ein Schritt auf dem Weg zur Wiederentdeckung und Aneignung der Nation. Die neue Liebe zur Region, Stadt und Kiez war und ist auch eine Reaktion auf eine neue, keineswegs ausschließlich deutsche Entfremdung. Und heute? Seit der Wiedervereinigung, spätestens aber mit der Flüchtlingsdebatte 2015, ist Heimat wieder zum Kampfbegriff in der Politik geworden. Die Vertreter der populistischen Rechten verwenden ihn zur Abgrenzung. Die Angst vor überfremdung oder gar einem Bevölkerungsaustausch wird von Rechtskonservativen immer wieder geschürt.

[00:20:28]

Zugleich bemühen sich Vertreter der anderen Parteien darum, den Heimatbegriff nicht jenen zu überlassen, die ihn zur Ausgrenzung nutzen.

[00:20:39]

Dabei ist Heimat im Zeitalter digitalen Nomadentum vielfältiger und formbar denn je. Den Samwers, die ihr Leben bewusst an einem Ort entfalten wollen, stehen die Anywhere entgegen. Ihnen ist es ein Leichtes. Heimat heute in München und morgen in Buenos Aires zu finden. Aus dem Singular Heimat sind Heimat geworden. Stabiles WLAN vorausgesetzt.

[00:21:11]

Ist der Heimatbegriff noch zu retten? Zwischen nostalgischer Verklärung, Vereinnahmung durch Ideologien und Regime und ganz persönlicher Standortbestimmung. Susanne Janowski hat versucht, den Heimatbegriff von seinem Ballast zu befreien, um ihn mit neuen Inhalten füllen zu können.

[00:21:29]

Ich würde mal sagen Heimat ist so etwas wie eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft. Heimat ist in der Hinsicht tatsächlich ein Gefühl. Es muss genügend da sein, was wir noch wiedererkennen. Damit wir uns heimatlich fühlen können.

[00:21:46]

Heimat, ein Gefühl, ein Ort oder eine Sehnsucht, die nie wirklich gestillt werden kann. Für Bernhard Schlink ist es gerade diese unerfüllbar. Die Sehnsucht nach einem Heimat ideal, die Heimat erst ermöglicht. Heimat ist nicht Ort, Heimat ist Utopie. Am intensivsten wird sie erlebt, wenn man weg ist und sie einem fehlt. Das eigentliche Heimatgefühl ist das Heimweh. Aber auch wenn man nicht weg ist, nährt sich das Heimatgefühl aus Fehlendem, aus dem, was nicht mehr oder auch noch nicht ist.

[00:22:22]

Denn die Erinnerungen und Sehnsüchte machen die Orte zur Heimat. Das war Radio Wissen, ein Podcast von Bayern 2, Autor dieser Folge Michael Metzer. Regie führte Irene Schuck. Beate Himmel und Friedrich Schlosser Technik Regine Elbers, Redaktion Bernhard Kastner. Wenn Sie keine Folge mehr verpassen wollen, abonnieren Sie Radio Wissen unter Baiern, 2D, Slash, Podcast und überall Podcasts gibt.