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SWR 2 wissen.. Ein nüchterner Seminarraum der Psychiatrischen Universitätsklinik Frankfurt am Main. Weiße Tische sind zu einem großen Rechteck zusammengestellt. An ihnen sitzen eine Hausärztin und mehrere Hausärzte. Dazu etliche Mediziner, Studierende. Sie sprechen bei dieser Fortbildungsveranstaltungen über ein ernstes Thema Suizid. Die Psychiaterin Christiane Schlang wendet sich an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

[00:00:31]

Ich würde Sie bitten, einfach so ein bisschen vielleicht aus ihrer eigenen Praxis zu berichten. Wir müssen hier nicht auf alle Fragen einzeln eingehen. Aber vielleicht haben Sie ein schönes Beispiel, welche Begegnung im beruflichen Kontext Sie einfach schon mal mit Suizidalität hatten. Was da in ihnen vorgegangen ist, wie sie damit umgegangen sind, wo sie sich unsicher gefühlt hätten, wo Sie sich Hilfe gewünscht hätten. Informationen? Ja, dass wir da einfach so ein bisschen in Austausch kommen.

[00:00:59]

Einen Moment traut sich keiner.

[00:01:02]

Dann meldet sich die Hausärztin Ursula Frühauf aus Offenbach zu Wort Ich bin natürlich in der hausärztlichen Praxis schon damit konfrontiert worden, also weniger mit einer akuten Suizidalität, eher mit so einer schwelenden Verschlechterung, einer depressiven Episode mit möglichen Suizidgedanken. Gefühle, die bei mir aufkommen, wenn Patienten, denen es schlecht geht, mir gegenübersitzen, ist erst mal Stress. Wie gehe ich emotional damit um?

[00:01:32]

Wie näher ich mich den Patienten an Suizid verhindern, was Fachkräfte und Laien tun können? Eine Sendung von Jochen Paulus.

[00:01:42]

Ich finde es seit acht Jahren niedergelassen. Und die Fälle, wo ich dachte Okay, hier geht es wirklich um die Wurst. Ein Stück weit kann ich an einer Hand abzählen, dass es tatsächlich im Alltag. Vielleicht habe ich es oft übersehen, überhört. Ich hoffe und denke eigentlich nicht, eigentlich seltener, als ich annahm, zum Anfang.

[00:01:58]

Vermutlich sehen Hausärzte wie Philipp Henrichs in Frankfurt über Jahre keinen Patienten, der sich wenig später umbringt. Trotzdem spielen Hausärzte und Hausärztin eine wichtige Rolle bei der Verhinderung von Suiziden, wie Christiane Schlang mit einer auf eine Leinwand projizierten Statistik zeigt.

[00:02:16]

Es gibt verschiedene Untersuchungen, und danach hat die Hälfte aller Patientinnen Patienten in einem Zeitraum von einem Monat vor dem Suizid Kontakt zum primär Arzt System gehabt. Die kommen natürlich nicht und sagen Ich will mich umbringen, sondern kommen mit anderen Sachen, die kaum mit irgendwelchen somatischen Geschichten.

[00:02:35]

Aber es ist eben nicht so, dass sie in einer Hausarztpraxis nicht auftauchen. Und wenn man das jetzt auf das gesamte Jahr vor dem Suizid ausdehnt, dann sind es sogar 75 Prozent, die Kontakt hatten.

[00:02:46]

Hausärzte müssen also in der Lage sein, suizidgefährdete Menschen zu erkennen. Denn mindestens 90 Prozent der Gefährdeten gehen nicht zur Psychiaterin oder zum Psychiater, die mit solchen Fällen mehr Erfahrung haben. Das Seminar ist aber nur ein Teil eines großen Projekts der Psychiatrischen Universitätsklinik und anderer Frankfurter Einrichtungen.

[00:03:09]

Es heißt das Frankfurter Programm zur Prävention von Suiziden mittels evidenzbasierte Maßnahmen der Psychiatrie. Professor Andreas Reif ist der Projektleiter. In seinem geräumigen Büro in der Klinik beschreibt der Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik sein ehrgeiziges Ziel.

[00:03:30]

Das ist ein Projekt, in dem wir die verschiedenen Aktivitäten in der Stadt zur Suizidprävention bündeln und auch erweitern. Und wir untersuchen auch den Erfolg dieser Suizid präventiven Maßnahmen. Unser Ziel ist es, die Suizidrate in Frankfurt um ein Drittel zu reduzieren.

[00:03:47]

Auch die anderen psychiatrischen Kliniken der Stadt sowie das Gesundheitsamt sind dabei.

[00:03:52]

Solche Anstrengungen sind bitter nötig. Deutschland hat sich im Rahmen eines Programms der Weltgesundheitsorganisation verpflichtet, die Zahl der Suizide bis 2020 gegenüber 2013 um zehn Prozent zu senken. Das so schnell zu schaffen, wird kaum möglich sein. Die Bundesregierung stellt dafür 3,5 Millionen Euro Forschungsgelder zur Verfügung. Davon geht eine knappe Million in das Frankfurter Projekt.

[00:04:22]

Die Verantwortlichen haben immerhin drei Jahre Zeit und setzen an etlichen Stellen gleichzeitig an. Es sind verschiedene Bausteine, die eine relevante Richtung ist.

[00:04:32]

Wie kriegen wir die Patienten überhaupt zu unseren Behandlungen? Da müssen wir Angebote wie 24 Stunden Hotline, die immer erreichbar ist. Wir machen hier Notfall, Sprechstunden, dass die Patienten auch niedrigschwellig zu uns in Behandlung kommen. Hier eine Leitlinie Gerechte Behandlung durchzuführen, das ist unser täglich Brot. Denke, das machen wir immer. Wobei wir das ergänzen, jetzt auch um eine speziell auf Suizidalität abgestimmte Psychotherapie.

[00:04:57]

Ganz wichtig ist auch die Schulung von Fachleuten, damit sie wissen, wie sie Gefährdete erkennen und ihnen helfen können. Dabei hilft es, die verschiedenen Phasen zu kennen, die Suizid Kandidaten oft durchlaufen. Christiane Schlang, die das Projekt Frappe auch koordiniert, bringt sie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Seminars nahe. In der sogenannten Erwägungen Phase, erklärt sie, spielen Gefährdete mit dem Gedanken, sich umzubringen. Die Gefahr ist aber noch nicht sehr hoch. Sie sind oft deprimiert. Hausärztin und Hausärzte sollten solche Patienten direkt fragen, ob sie einen Suizid erwägen.

[00:05:37]

Oft kommen diese Menschen aber nicht in die Praxis.

[00:05:40]

Das geht dann über in die Ambivalenz Phase, und das ist die Phase, in der wir die Leute sehen. Und diese Ambivalenz phaser heißt nicht umsonst so. Die Leute sind sehr getrieben, sind sehr unruhig, und die leiden massiv. Und zwar ist es wirklich eine Ambivalenz zwischen diesem Ich will eigentlich leben, aber so, wie es ist, will ich nicht mehr leben. Da ist die Suizidgefahr mäßig bis hoch. Wir können das ein bisschen abchecken da mit diesem Suizid planen Vorbereitung.

[00:06:09]

Es geht auch in diese Richtung. Die Frage der akut Pietät.

[00:06:12]

Also besteht unmittelbar die Gefahr, dass der Patient seine Pläne in die Tat umsetzt? Christiane Schlang empfiehlt zu fragen, ob er sich über eine Methode Gedanken gemacht hat.

[00:06:24]

Und dann ist die nächste Frage Haben Sie schon Vorbereitungen getroffen? Und wenn man jemand sagt Ja, ich habe den Strick in der Garage liegen, oder ich habe Tabletten gesammelt. Oder ich habe einen Tag schon festgelegt, dann ist das natürlich höchste Alarmstufe. Wenn das eher so etwas Vages ist, dann geht das ein bisschen noch mehr in Richtung diese Erwägung. Dann ist die Gefahr nicht ganz so hoch. Damit können Sie ein bisschen abschätzen. Wie akut ist es eigentlich?

[00:06:49]

Natürlich müssen nicht nur ärztInnen und ärzte darauf achten, ob ein Mensch suizidgefährdet ist. Auch Laien sollten aufmerksam sein, fordert die Psychiatrie Professorin Barbara Schneider bei einem Kongress. Sie ist die Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

[00:07:05]

Suizidalität wird in der Regel kommuniziert, also entweder verbal und sehr direkt. Dass jemand sagt, er möchte sich das Leben nehmen. Oder dass jemand das verbal kommuniziert, aber sehr indirekt, indem er sich bedankt und sagt Wir sehen uns nicht mehr. Solche Dinge, solche Andeutungen macht oder dass jemand wirklich sich zurückzieht, den Kontakt komplett abbricht, das sollte man auch hingucken.

[00:07:30]

Hellhörig werden sollten Laien auch, wenn ein Freund oder eine Kollegin über Tage deprimiert wirkt oder viel weniger als sonst sagt, ohne dass ein Grund erkennbar ist.

[00:07:41]

Wichtig ist immer, dass man mit der anderen Person in Beziehung tritt, Kontakt aufbaut. Auch wenn man ein Laie ist, dann natürlich, wenn man ein Laie ist, dass man dafür sorgt, dass die Person, die Hilfe benötigt, diese Hilfe auch erhält, dass man denjenigen beispielsweise in die Klinik bringt, zum Arzt bringt, zur Beratungsstelle et cetera.

[00:08:00]

Laien können und sollten Gatekeeper sein. Torwächter, so nennen Suizid Experten, Menschen, die mit Gefährdeten in Kontakt stehen und ihnen den Weg durchs richtige Tor weisen können. Gatekeeper sind natürlich ärzte sowie Pflegerinnen und Pfleger, die mit vielen Menschen zu tun haben, denen es nicht gut geht. Aber letztlich kann jede und jeder in diese Lage kommen, weiß Barbara Schneider, die auch Chefärztin an einer Klinik in Köln ist.

[00:08:30]

Ein Kollege erwähnt immer den kranken, alten, verwitweten Mann, der viele körperliche Einschränkungen hat und im Fichtelgebirge im Winter lebt und dreimal in der Woche ins nächste Gasthaus zum Essen geht. Da ist praktisch der Gatekeeper, dann ja, der Hausbesitzer. Da wäre es wichtig, dass der Hausbesitzer auch entsprechend weiß, was Zeichen für Suizidalität sind, und dann auch mit demjenigen in Kontakt geht, einfach weil er oft die einzige Kontaktperson ist.

[00:09:02]

Wenn die Suizidgefahr erkannt ist, müssen Helfer, Angehörige oder die Betroffenen selbst sich irgendwo hinwenden können, wo sie schnell Hilfe bekommen.

[00:09:12]

Da gebe es allerdings Probleme, sagt Ute Wicca, die Leiterin des Forschungsbereich Suizidprävention der Universität Dresden. Sicher, die Telefonseelsorge sei rund um die Uhr erreichbar und leiste gute Arbeit.

[00:09:26]

Aber dann ist aus meiner Sicht eine Lücke da, nämlich von denen, denen diese Telefonseelsorge nicht reicht, die aber eine Krise haben. Die gibt es natürlich auch Institutionen wie Krisen, die ins sozialpsychiatrischen Dienst, die haben öffnungszeiten, die sind da von acht bis 16 Uhr, Montag bis Freitag. Und die Krise passiert nicht, also naturgemäß immer in dieser öffnungszeiten, sondern vorwiegend nachts oder am Wochenende. Und oftmals ist es möglich, die Leute durch die Nacht zu bringen und diese Zeit zu gewinnen.

[00:09:55]

Auch hier will das Frankfurter Suizid Präventionsprojekt für Verbesserungen sorgen. Es soll eine rund um die Uhr besetzte Hotline geben, die dringend Suizidgefährdete schnell in eine der psychiatrischen Kliniken vermitteln kann. Die nehmen natürlich auch jetzt schon nachts Patienten auf. Aber oft fragen die Mitarbeiter erstmal, ob der Betreffende überhaupt in ihrem Versorgungsgebiet lebt. Das soll sich ändern. Natürlich muss nicht jeder, der gerade am Leben verzweifelt, gleich in eine Klinik. Auch Freunde, Bekannte und Kollegen können helfen. Ute Zwicker warnt aber davor, den Betroffenen aus der Krise herausreden zu wollen.

[00:10:34]

Für wichtiger hält sie Zuhören und zuhören, ohne zu werten und nicht sofort zu sagen Na ja, es wird schon wieder. Der Chef kriegt sich schon wieder ein, sondern das genau denjenigen in seiner Betroffenheit so zu akzeptieren. Mensch, ich merke, das geht ja richtig. Na, das ist bestimmt eine schwierige Zeit für dich, und ich würde dir gerne helfen. Was können wir tun?

[00:10:55]

Das Seminar in Frankfurt soll den Teilnehmern auch Faktenwissen vermitteln. Christiane Schlang macht eine Art Quiz.

[00:11:03]

Also die erste Aussage wäre In Deutschland sterben mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Aids, illegale Drogen und Gewalttaten zusammen. Was denken Sie?

[00:11:15]

Natürlich sind ungefähr 10 000 Tote in Deutschland pro Jahr. Verkehrsunfälle sind ein dreieinhalbtausend pro Jahr und mit Gewalttaten, obwohl doch das gesamte Einkommen zugeschlagen.

[00:11:28]

Auch die Hausärztin Ursula Frühauf vermutet eine hohe Suizidrate.

[00:11:33]

Wir haben ja gerade berichtet. In der Hausarztpraxis sind wir relativ wenig damit konfrontiert. Ich glaube aber, dass die Rate relativ hoch ist, weil ich bin ganz direkt betroffen. Meine Mutter hat sich vor vier Jahren das Leben genommen, ohne in die Runde, geht auf diese persönliche Geschichte nicht weiter ein.

[00:11:55]

Sie bleibt bei den Statistiken.

[00:11:57]

Das löse ich mal auf. Wir hatten ja schon einige Experten hier. Das sind jetzt erst mal die anderen Zahlen. Also Mord, Totschlag und 296 Aids sind es 371, zum Glück nur hier in Deutschland. Drogentote gehen ja auch. Bleibt einigermaßen stabil. Bei 1226 Verkehrstote sind tatsächlich knapp 3500, neun, 3400, fünfzig. Und wie Sie richtig schon gesagt haben Das ist die Anzahl der Suizid Toten jedes Jahr ziemlich genau 10000.

[00:12:29]

Hinter der runden Zahl steht eine Entwicklung, die viele Laien überrascht, die aber auch Fachleute nicht wirklich verstehen.

[00:12:36]

Das ist die Entwicklung der Suizide Zahlen, weil es gefühlt zugenommen hat, weil man sich mit Leuten unterhält, und, sagen wir immer.

[00:12:42]

Früher gab es das nicht. Es nimmt total zu sehen, aber da laut dieser Statistik zufolge 1980 ab. Es gab eine kleine Mulde da um die 2007 und danach wieder ein bisschen angestiegen. Das ist ein europaweiter Trend, wo man schon überlegt hat, das geht so ein bisschen in Ihre Richtung, ob es vielleicht mit der Weltwirtschaftskrise etwas zu tun gehabt hat?

[00:13:04]

Für Deutschland lässt sich das nicht belegen. Aber anderswo sprechen die Zahlen stark dafür, dass Geldsorgen oder sogar Verarmung die Suizidrate in die Höhe treiben, so Ute Levitt aus Dresden.

[00:13:18]

Wenn wir uns jetzt Griechenland angucken mit den Folgen der Wirtschaftskrise, können Sie schon die ersten Daten und Studien dazu lesen, wo die Suizidrate dramatisch gestiegen sind. Das ist eben auch ein Feld, wo ich sage Okay, da hat eben auch die Gesellschaft die Aufgabe, etwas zu tun, die Bedingungen so zu gestalten, dass es das nicht noch der Grund dafür ist, dass sich Menschen das Leben nehmen.

[00:13:38]

Die Lebensumstände in einer Gesellschaft haben Folgen für die Suizidrate. In Indien töten sich mehr Menschen in Jahren, in denen es besonders heiß ist und deswegen die Ernten mager ausfallen. In einigen asiatischen Ländern nehmen sich mehr junge Frauen das Leben als junge Männer, was vermutlich mit der Benachteiligung von Frauen zusammenhängt. In vielen westlichen Ländern, auch in Deutschland, sind dagegen Männer stärker gefährdet, vor allem alte Männer. Es gibt naheliegende Gründe, warum alte Männer sich weit häufiger umbringen als andere.

[00:14:12]

Womöglich vereinsamen sie, wenn ihre Frau vor ihnen stirbt, weil sie es ihr überlassen haben, sich um Kontakte zu anderen zu kümmern. Bei Frauen steigt die Rate mit dem Alter nicht so stark. Andreas Reif, der Leiter der Frankfurter Uni Psychiatrie, hat noch eine andere Erklärung warum mehr Männer durch Suizid sterben, obwohl Frauen viel mehr versuche.

[00:14:35]

Unternehmen zu schweren Maßnahmen scheint bei Männern einfach häufiger zu sein. Der Tod hochzog Suizid, beispielsweise ein Tod durch Erhängen. Das ist etwas, wovon Frauen zurückscheuen. Da wird wesentlich häufiger die Execution gewählt. Aber ich glaube nicht, dass eine überlegung der starken Wahrscheinlichkeit eine Rolle spielt.

[00:14:53]

Soll heißen Frauen greifen zwar bevorzugt zu Tabletten, aber nicht, weil sie rechtzeitig gefunden werden wollen. Wenn, wie vor kurzem genügend Suizid Kandidatinnen im Internet von einer äußerlich nicht brutalen, vermeintlich schmerzfreien, aber tödlichen Methode erfahren, sterben etliche daran. überhAUPT spielt es eine große Rolle, welche Methoden zum Sterben verfügbar sind. Suizid. Kandidaten bringen sich häufig auf die gleiche Weise um, oft sogar an den gleichen Orten. Fachleute nennen diese Hotspots. Barbara Schneider, die Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention, hat dies direkt mitbekommen, als sie in einem Zug saß.

[00:15:37]

Ja, dann merkte man halt, dass der Zug über irgendwas fährt. Und ich war dann sehr irritiert und fragte die mitfahrenden Angestellten von der Bahn, unter anderem Zugführer, der neben mir saß. Was das denn war und dann, nach einigem Hin und Her, er dann doch, dass das ein Mensch war. Und er erzählte mir dann auch in diesem Zusammenhang, dass er an derselben Stelle schon drei Leute überfahren hätte.

[00:16:07]

Macht es Sinn, solche Hotspots zu sichern? Man könnte meinen Wer sich umbringen will, findet schon einen Weg. Wenn man ihm einen Weg versperrt, geht er eben einen anderen. Das ist nicht so. Das Psychiatrische Krankenhaus in Emmendingen beispielsweise hatte lange eine hohe Suizidrate. Sterbewillige hatten es einfach, denn es liegt direkt an einer Bahnstrecke, die durch Lärmschutzwände versperrt ist. Sind die Zahlen deutlich zurückgegangen? Andreas Reiff und seine Mitarbeiter vom Frankfurter Projekt FRAPPE werden nach Hotspots suchen.

[00:16:45]

Wir werden sogenannte Geo Analysen machen. Um zu sehen, gibt's bestimmte Orte, bestimmte Gebäude, bestimmte Regionen, Nachbarschaften, ökologische Mikroklima etc., die zu einer Häufung von Suizid oder Suizid Versuchung führen.

[00:16:58]

Auch andere Maßnahmen zielen darauf ab, häufig gewählte Suizid Methoden unmöglich zu machen. Sie gehören zu den wirksamsten Strategien der Suizidprävention und sollen typische Wege in den Tod verhindern.

[00:17:12]

Bei bestimmten Medikamenten, die häufig benutzt werden, um sich das Leben zu nehmen, hat man die Packungsgrößen verändert, sodass die verkäuflichen Packungsgrößen entsprechend klein sind, um damit zu verhindern, dass sich jemand mit einer einzigen Packung das Leben nehmen kann. Ein anderer Ansatzpunkt ist die Berichterstattung über Suizide. Als sich der beliebte Schauspieler Robin Williams im August 2014 das Leben nahm, brachten sich in den USA in den nächsten fünf Monaten gut 1800 Menschen mehr um, als statistisch zu erwarten war.

[00:17:47]

Das entspricht einer Zunahme von zehn Prozent, wie ein Forscherteam um David Fink von der Columbia University errechnete.

[00:17:55]

Die Zahl der Suizide mit derselben Methode stieg sogar um 32 Prozent.

[00:18:01]

Suizid Experten wie Ute Wicca SCA von der Universität Dresden appellieren daher dringend an die Medien, über Suizide nur sehr zurückhaltend zu berichten.

[00:18:11]

Es ist nach wie Sinn so sehr und so selten in der Medizin, so klar, dass, wenn ich auf der Titelseite den prominenten Suizid mit allen Details und Abschiedsbrief und persönlichen Notationen veröffentliche, werde ich dazu führen, dass sich mehr Menschen das Leben nehmen, dies nicht getan hätten. Wenn ich auf Seite 3 eine kurze Notiz. Also wieso hat sich das Leben genommen? Fertig.

[00:18:34]

Auch Selbsttötungen in Romanen und Fernsehserien wirken gefährlich.

[00:18:39]

Goethes 1774 erschienener Briefroman Die Leiden des jungen Werthers löste eine Suizid Welle von Lesern aus, die Werther bis in den Tod folgten mit blauer Jacke und gelber Weste. Wie Werther in einigen Ländern wurde das Buch deswegen verboten. Die Mutter eines 18-Jährigen, der sich erschossen hatte, machte Goethe schwere Vorwürfe Von euch wird Gott Rechenschaft fordern über die Anwendung eurer Talente. Goethe konnte nicht wissen, was sein Werk anrichten würde. Die Verantwortlichen von Fernsehsendern heute dagegen schon. Nach der ersten Ausstrahlung der ZDF-Serie Tod eines Schülers werfen sich 175 Prozent mehr 15 bis 19 jährige junge Männer vor einen Zug.

[00:19:30]

Genau wie die Hauptfigur. Dennoch wurde die Serie trotz dringender Warnungen von Suizid Experten erneut ausgestrahlt. Mit ähnlichen Folgen. Auch beim ONLINE Film Dienst Netflix hat ein Aufschrei der Experten nichts bewirkt. Die kritisierte Serie Tote Mädchen lügen nicht wurde 2018 sogar mit einer zweiten Staffel fortgesetzt. Ute Wicca findet die Serie filmisch sehr gelungen. Wegen der Nachahmung aber hält sie sie für eine Katastrophe.

[00:20:04]

Dass in diesem Film endet natürlich mit dem Suizid der jungen Protagonistin, der dann auch noch gezeigt wird. Das ist ein absolutes No-Go, was aus Suizid präventiver sich niemals geschehen sollte. Aber die zeigen den Suizid und zeigen hier über jede Folge die Hintergründe, warum dieses Mädchen sich das Leben genommen hat. Die zeigen keine Lösungsmöglichkeiten oder nur im Ansatz. Das Problem ist, dass alle, die in einer ähnlichen Situation sind, ganz viel Projektionsfläche finden. Die fühlen sich ganz doll wieder gespiegelt in dem, was dort gezeigt wird.

[00:20:36]

Natürlich sind durch solche Serien wie auch überhaupt nicht alle Menschen gleichermaßen suizidgefährdet. Es sind vor allem die Menschen in einer Krise, ganz besonders bei psychischen Erkrankungen, etwa Depressionen.

[00:20:49]

Andreas Reif.

[00:20:52]

Erstaunlich ist, dass Suizidgedanken sich in dieser Depression bei affektiven Störungen aufdrängen. In dem Moment auch zwingend und nachvollziehbar scheinen der Patient aber aus der Erkrankung heraus kommt dann ganz klar auch diese Suizidgedanken als unsinnig, als nicht zu einem selbst gehörig empfindet, als Krankheit zugehörig erkennt. Wie konnte ich nur so denken? Das ist mir eigentlich ganz fremd.

[00:21:19]

Ich habe durch meine Kinder, meine Familie was auch immer, so ein bisschen eine andere Problematik, dass das oft sehr heroisiert dargestellt wird. Robert Enke ist der Einzige, wo hinterher die Teresa Enke auch offengelegt hat, dass da eine psychische Erkrankung im Hintergrund stand.

[00:21:36]

Fachleute machen psychische Erkrankungen für einen großen Teil der Suizide verantwortlich. Bei der Fortbildung in Frankfurt projiziert Christiane Schlang ein Diagramm auf die Leinwand.

[00:21:47]

Dieses Blaue. Das sind 30 Prozent der Betroffenen hatten eine affektive Störung, also eine Depression oder eine bipolare Störung, also eine manisch depressive Erkrankung.

[00:21:59]

Andere Farben stehen für die Schizophrenie und Suchterkrankungen.

[00:22:03]

Das heißt, wenn Sie das zusammenrechnen, haben Sie schon zwei Drittel der Menschen, die sich das Leben genommen haben.

[00:22:08]

Manche Experten führen 90 Prozent der Suizide auf psychische Störungen zurück. Andere halten solche Zahlen für deutlich zu hoch. In den Untersuchungen wurden sogenannte psychologische Autopsien vorgenommen. Nachdem die Opfer tot waren, versuchten Experten aus Akten und durch Befragen der Hinterbliebenen herauszufinden, ob die Suizide zu Lebzeiten psychisch erkrankt waren.

[00:22:34]

Aber die Rechercheure und Hinterbliebenen wissen ja, was aus den Menschen geworden ist. Daher besteht die Gefahr, dass sie nachträglich Anzeichen einer psychischen Störung sehen, wo es keine gab. Unbestritten ist aber Bei vielen Suiziden spielen psychische Störungen eine Rolle. Vor allem Depressionen. Die müssen natürlich behandelt werden. Psychotherapie ist eine Möglichkeit. Viel öfter setzen ärzte allerdings Antidepressiva ein, vor allem Serotonin Wiederaufnahme Hemmer, abgekürzt SSRI. Dabei ist allerdings Vorsicht geboten, denn sie können die Suizid Neigung erhöhen, vor allem bei Kindern und Jugendlichen.

[00:23:16]

Das ist keine Lösung, kein Antidepressivum zu verschreiben. Aber man muss gerade bei den Essers wissen, dass die initiale Antriebs Steigerung machen. Und die Antriebs Steigerung setzt schneller ein als die Antidepressiva Wirkung. Das heißt, sie haben immer noch dieses schlechte Gefühl. Die Depression dieser Hoffnungslosigkeit ist weiterhin vorhanden, aber sie haben mehr Antrieb als vorher. Und das ist das, wo wir davon ausgehen, dass das die Suizidrate gabe, auch erhöht.

[00:23:42]

Deshalb wird empfohlen, am Anfang zusätzlich Beruhigungsmittel zu geben, um die Antriebs Steigerung zu verhindern. Das ist aber nicht das einzige Problem der Antidepressiva. Es ist nicht nachgewiesen, dass sie tatsächlich Suizide verhindern. Belegt ist dies dagegen für Lithium ein Mittel, das ärzte vor allem bei bipolaren Störungen verschreiben, obwohl es auch bei reinen Depressionen Suizide verhindert. Das Lithium. Da gibt es verschiedene Studien. Hier gibt es 48 randomisierte Kontroll Studien mit insgesamt über 6000 Probanden. Und dabei Lithium in Placebo deutlich überlegen.

[00:24:20]

In Bezug auf die Reduktion von Suiziden.

[00:24:23]

Viele ärzte setzen Lithium allerdings kaum ein, weil es nicht ganz einfach zu dosieren ist und sie seine Risiken überschätzen.

[00:24:31]

Experten sprechen von einer geradezu abergläubischen Lithium Phobie. Doch nicht immer ist es mit Medikamenten und eine Beratung getan. Immer wieder stehen Hausärzte wie Philipp Hinrichs vor der Frage, ob sie einen Patienten in die Psychiatrie schicken müssen notfalls gegen seinen Willen.

[00:24:52]

Die ärzte nennen das nach einer alten Rechtsgrundlage Paragraf zehn ziehen. Hinrichs erzählt bei dem Seminar in Frankfurt, wie vor ein paar Wochen ein möglicherweise suizidgefährdete Patient neu zu ihm kam und er bei dieser Frage unsicher war.

[00:25:09]

Das war bei dem Gespräch zumindest ein ganz klar relativ schnell. Ich merke schon, wie ich mich so hastete, irgendwie nicht, damit jetzt komme, irgendwie. Wenn er jetzt diese Antwort gibt, dann muss ich mit der Maßnahme reagieren, und das ist ganz klar. Da komme ich zueinander, sozusagen. Wenn ich sage Ja, dann müsste ich jetzt eigentlich. Und wie sieht es denn aus? Was haben wir denn für Alternativen? Es war klar, sozusagen. Wenn ich sage, dann müsste ich jetzt den Frager sehen ziehen sozusagen.

[00:25:32]

Dann steht er auf Haut ab. Das wollte ich überhaupt nicht.

[00:25:36]

Die Seminarleiterin Christiane Schlang hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass in diesen vier Jahren im Gesundheitsamt hatte ich ja häufig auch mit solchen Patienten zu tun. Ich glaube, ich habe niemanden Zwangs eingewiesen, sondern ich habe es immer geschafft, die Leute dann doch freiwillig zu bewegen, in die Ambulanz zu gehen. Es liegt vielleicht aber auch daran, dass ich völlig klar vermittele Wenn das nicht freiwillig geht, gehe ich auch diesen Schritt.

[00:26:04]

Da klingt schon durch. Wirklich freiwillig ist der Weg in die Psychiatrie für den Patienten dann nicht. Aber manchmal gibt es wohl keinen anderen Weg. Das Seminar geht zu Ende. Die Teilnehmer loben bei einer Feedback Runde, dass sie viel gelernt haben. Allgemeinarzt Rainer Kittel staunt, was in Frankfurt alles gemacht werden soll und schon gemacht wird.

[00:26:27]

Ich komme aus dem Land, aus Nordhessen und was es alles für Möglichkeiten der Großstadt gibt, ganz fasziniert, was für Sachen passieren. Wir müssen uns leider immer ein bisschen selbst behelfen da oben. Da gibt's einen Psychiater auf 40 000 Einwohner, der hoffnungslos überlastet ist.

[00:26:44]

Es ist halt so. Bislang ist das Frankfurter Programm in Deutschland einzigartig. Professor Andreas Reif, der das Projekt leitet, hat drei Jahre Zeit, um zu beweisen, dass die vielen Maßnahmen tatsächlich greifen. Die Suizidrate wie geplant um ein Drittel zu senken, würde bedeuten, dass sich in Frankfurt jährlich 30 Menschen weniger umbringen.

[00:27:07]

Ob er das erreichen, wird sich zeigen. Ich bin ganz zuversichtlich. Aber auch wenn das nur 20 verhinderte Todesfälle wären oder auch nur 15 oder zehn, wäre es dennoch ein beträchtlicher Erfolg. Die Suizidrate schwankt zwar, aber nicht sehr deutlich. Das sind plus minus vier Fälle im Jahr. Insofern wäre tatsächlich auch eine Reduktion um zehn tatsächlich bemerkenswert. Die Welt verstehen. Jeden Tag SWR 2 Wissen, Manuskripte und weiterführende Informationen zu unserem Podcast und den einzelnen Folgen gibt es unter SWR 2 wissen.

[00:27:45]

De.