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[00:00:05]

Hallo, schönen guten Morgen! Sie hören was jetzt? Den Nachrichten Podcast von Zeit ONLINE am Montag, den 31. August. Ich bin Pia Rauschenberg, und ich spreche gleich über die Demonstrationen am Wochenende und über einen Satz, den Merkel vor fünf Jahren gesagt hat und der Deutschland verändert hat.

[00:00:22]

Jetzt kann man aber erst mal die Nachrichten Bilanzfälschungen, Insolvenz, Verschuldung.

[00:00:29]

Seit Juli ermittelt die Staatsanwaltschaft München gegen den Zahlungs Anbieter Wirecard. Der Verdacht liegt dabei auf gewerbsmäßigen Banden.

[00:00:37]

Betrug. Doch wie lange wusste die Bundesregierung von diesen Unregelmäßigkeiten schon? Das soll nun eine zweitägige Sondersitzung des Finanzausschusses klären, die heute im Bundestag beginnt. Dazu werden zunächst Vertreter des Kanzleramts und Bundesjustizministerin Christine Lambrecht befragt. Weikert hatte im Juni Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro eingeräumt.

[00:01:01]

Nach über acht Jahren muss die Linkspartei eine neue Führung wählen. So sieht es die Satzung der Partei vor. Nach der Parteivorsitzenden Katja Kipping hat deswegen auch Linken-Chef Bernd Riexinger bereits intern seinen Rücktritt angekündigt. Heute soll die Entscheidung auch offiziell verkündet werden. Kipping und Riexinger waren seit 2012 an der Spitze der Partei. Eigentlich sollten die Parteimitglieder bereits im Juni eine neue Führung wählen. Doch der Parteitag wurde wegen der Coruna Pandemie verschoben. Daher wird nun erst am 31. Oktober entschieden, wer die Partei künftig anführen wird.

[00:01:35]

Der Redaktionsschluss für diesen Podcast ist fünf Uhr.

[00:01:44]

Am Samstag gab es in Berlin mehrere Kundgebungen gegen die Coruna Maßnahmen der Bundesregierung. Das haben Sie bestimmt mitbekommen. Das Oberverwaltungsgericht hatte ja dann das Verbot der Demo letztendlich gekippt. Wir haben darüber auch vorher im Podcast berichtet. Zehntausende haben dann in Berlin demonstriert. Es gab viele Festnahmen. Auflagen wurden teilweise missachtet. Und dann ist eine Gruppe die Treppe vor dem Reichstagsgebäude hoch gelaufen und stand dort teilweise nur drei Polizisten gegenüber, die das Gebäude quasi verteidigt haben. Das war eines der Bilder, das mir auf jeden Fall von diesem Wochenende in Erinnerung bleiben wird.

[00:02:18]

Mein Kollege Christian Voran hat das nicht nur im Internet verfolgt. Er war als Reporter auf der Demo unterwegs, und mit ihm möchte ich deshalb jetzt darüber sprechen, was da eigentlich genau passiert ist. Ein Angriff auf das Herz der Demokratie. So hat Bundespräsident Steinmeier über die DemonstrantInnen gesprochen, die auf die Treppe des Reichstagsgebäudes vorgedrungen sind. Siehst du das auch so?

[00:02:39]

Der Bundespräsident hat sicherlich recht, wenn er das so beschreibt. Ich würde das allerdings nicht zu hoch hängen wollen, was da passiert ist. Da sind letzten Endes ein paar Hooligans über den Zaun geklettert und haben es die Stufen hoch geschafft. Die Polizei hat es dann trotzdem einigermaßen schnell wieder aufgelöst. Und das war meines Erachtens kein Sturm, wie es jetzt die Neonazis selber zu inszenieren versuchen. Den Gefallen würde ich ihn einfach nicht tun wollen, das jetzt ebenfalls zu übernehmen und zu überhöhen.

[00:03:12]

Das klappt schon gesagt. Diese Formulierung, den Reichstag gestürmt, haben schon einige Medien quasi übernommen. Hat sich damit schon die Rhetorik der Rechtsextremen durchgesetzt? Gab es da noch mehr Beispiele dieser Art?

[00:03:23]

Ja, das war. Insgesamt war es interessant zu beobachten, was da rhetorisch gestern passiert ist. Da waren eben viele Reichsbürger, rechtsradikale Neonazis unterwegs, aber auch ganz viele Coruna, Leugner, Impfgegner oder einfach Leute, die versucht haben, ihrem Unmut über die Coruna Politik Ausdruck zu verleihen. Und das wissen eben diese rechten Kräfte sehr gut für sich zu nutzen, da wir mittlerweile, das konnte man gut sehen, als Attila Hildmann gesprochen hat. Der wirft praktisch völlig zusammenhanglos alle möglichen Reizworte mal in einen Topf.

[00:03:59]

Da ist von Bill Gates die Rede und von Merkel und der Verschwörung und der Lügenpresse und den Rothschilds. Und noch mehr antisemitischer Kram. Da kann sich jeder, der auf dieser Demo rumläuft, kann sich einfach herauspicken, was ihm gefällt. Und dann wird er schon seine Anhänger finden. Und das ist keine ganz neue Taktik der Rechten. Aber die gingen auf dieser Demo einfach sehr gut auf.

[00:04:22]

Welchen Eindruck hattest du denn, als du auf der Demo unterwegs warst? Sind das Menschen, die unsere Demokratie wirklich gefährlich werden könnten?

[00:04:28]

Ich glaube, die meisten derer, die da unterwegs waren, sind nicht gerade große Demokratie gefährde. Jetzt muss man erstens auch nochmal sehen. Das waren ungefähr 50 000. Ist die offizielle Zahl der Stadt Berlin im Moment, die da teilgenommen haben? Das ist keine Mehrheit in diesem Land, und die meisten, die da herumgelaufen sind, das waren Familienväter. Manchmal hatte man den Eindruck, da haben Touristen einfach mit ihren Kegelklub mal wieder einen Ausflug nach Berlin machen wollen.

[00:04:59]

Die haben kaum den Weg zum Brandenburger Tor gefunden. Da waren Esoteriker, Hippies dabei, gutsituierte Lehrer aus dem Schwabenland. Und die Reichsbürger und Neonazis haben sich da einfach drunter gemischt. Und das Gefährliche Daran finde ich die Tendenz, dass es keinerlei Abgrenzung dazu gab. Zwar hat man immer wieder behauptet Nein, wir haben mit Neonazis oder mit Rechten nichts zu tun, oder wir können die hier nicht sehen. Beides ist aber einfach komplett unglaubwürdig gewesen. Da wurde akzeptiert, wissentlich, dass man mit Neonazis läuft.

[00:05:32]

Und diese Tendenz? Die halte ich für extrem gefährlich. Danke Christian, gerne.

[00:05:42]

Und sonst so manche müssen lange, oft verklemmte Gespräche mit ihren Eltern führen. Andere bekommen einfach eine Packung Kondome zugeworfen, und das wars dann. Aufklärung in Deutschland funktioniert oder eben auch nicht ganz unterschiedlich. Wenn ich mal jemanden aufklären müsste, dann würde ich dieser Person ab sofort einfach das Buch Sex und so von meiner Kollegin Lydia Meier schenken. Das kommt heute raus und ist ein etwas anderes Aufklärungsbuch. Und was daran anders ist, das hat Lydia mir hier kurz zusammengefasst.

[00:06:12]

Das Buch heißt Sex und so. Und die Betonung dabei liegt aber gar nicht auf Sex, sondern auf und so. Es geht natürlich auch um Sex und Menstruation und so weiter. Aber vor allen Dingen ging es mir darum, erstens Identitäten, die nicht heterosexuell sind und vielleicht nichts es sind, genau so darin vorkommen zu lassen wie alles, was von unserer Gesellschaft als normal angesehen wird. Und zweitens finde ich auch, dass irgendwie bei diesen ganzen Aufklärungs manchmal vergessen wird, dass es dabei nicht nur um körperliche Dinge geht, sondern auch um Mobbing, Druck, Körper, Ideale oder z.B. Liebeskummer.

[00:06:48]

Da hat Lydia übrigens einen Tipp, den ich Ihnen jetzt schon verraten kann Pommes essen.

[00:06:58]

Zehntausende Menschen sind im Sommer 2015 nach Deutschland gekommen. Innerhalb weniger Wochen, viele von ihnen über die Balkanroute. Viele von ihnen hatten den Traum, dass in Deutschland alles besser werden sollte. Das war eine Zeit, die Deutschland nachhaltig verändert hat. Und ein Teil davon war auch dieser Satz, den Merkel vor fünf Jahren gesagt hat und der so viel Aufmerksamkeit bekommen hat wie kaum ein anderes. Zitat von ihrem Wir schaffen das. Wie hat sich Deutschland seitdem verändert? Haben wir es geschafft?

[00:07:27]

Das bespreche ich jetzt mit meiner Kollegin Jana Hensel, die darüber einen ausführlichen Text geschrieben hat. Hallo? Hallo? Beschreibt mal, dass Deutschland vor fünf Jahren, bevor Merkel ihren berühmten Satz gesagt hat Ja, das ist ganz interessant.

[00:07:40]

Wenn man sich in jenes Deutschland vor 2015 noch einmal gedanklich hineinversetzt, dann stellt man oder ich habe festgestellt zu meiner Verwunderung das Jahr vor 2015 war die Jahre vor 2015 waren keine Jahre, in denen es keine Krisen gegeben hat. Es gab die Euro-Krise, die Finanzkrise. Es war auch schon eine Krisenzeit. Allerdings Das unterscheidet die vorangegangenen Krisen vom Krisenjahr 2015. Das waren alles Krisen, die mehr oder weniger abstrakt stattgefunden haben. Es wurde zwar viel über die Euro und Finanzkrise gesprochen, aber so, am alltäglichen Leben, ist es dann doch eher vorbeigegangen.

[00:08:20]

Oder denken wir an die Reaktorkatastrophe von Fukushima. Die fand eben sehr weit weg statt mit 2015, mit der Entscheidung der Kanzlerin, die Grenzen in Anbetracht der zu strömenden Geflüchteten nicht zu schließen. Das hat Deutschland dann plötzlich doch zu einem Schauplatz dieser weltweiten Flüchtlingskrise gemacht. Und in dem Sommer 2015 verändert sich das Klima in diesem Land sehr schnell und sehr radikal.

[00:08:47]

Und wie hat dann dieser Satz das Klima noch zusätzlich verändert?

[00:08:51]

Ich muss persönlich sagen Ich finde es immer noch einen großen, strahlenden Satz, ein Satz, den ich richtig finde und der diese Zuversicht ausstrahlt, die ein Land wie Deutschland haben sollte. Aber diese Entscheidung, die Flüchtlinge ins Land zu lassen und auch dann die hohen Zahlen derer, die kamen. Bis zum Ende des Jahres 2015 waren es 900 000 Geflüchtete, die ins Land kamen. Das hat das Land gespalten. Das hat das Land zerrissen. Seit jeher haben wir ja ein gespaltenes Land.

[00:09:26]

Man kann grob sagen Das Land spaltet sich in einen progressives und in einen autoritären zugeneigte Lager. Und diese Lager entstehen oder formieren sich im Zuge des Jahres 2015.

[00:09:39]

Würdest du sagen, diese Spaltung ist seitdem konstant schlimmer geworden in den letzten fünf Jahren? Das würde ja auch bedeuten, dass wir es nicht geschafft haben.

[00:09:47]

Na ja, ich sage zumindest Wir müssen diese Spaltung konzedieren. Und ich sage, dass diese Prozess, dieses Auseinanderreißen auch diese Polarisierung hat. Negative wie positive Effekte gleichzeitig. Ja, Rassismus artikuliert sich in dieser Gesellschaft sichtbarer. Gleichzeitig thematisieren wir aber Rassismus so stark wie nie. Antisemitische Straftaten haben seither zugenommen. Gleichzeitig hat die Bundesregierung einen Antisemitismus Beauftragten eingesetzt. Diese Spaltung, diese Polarisierung hat Dinge, schmerzhafte Dinge an die Oberfläche gebracht. Aber das demokratische Spektrum der Gesellschaft kämpft eben auch.

[00:10:30]

Seit 2015 sind so viele Menschen wie nie zuvor für eine offene, plurale Gesellschaft für ein starkes Europa auf die Straße gegangen. Wir sehen, diese beiden Lager werden gleichzeitig sichtbar, und ich sage in den Text Das progressive Lager hat das Land seither weit vorangebracht, und dem Autoritären zugeneigte Lager hat das Land weit zurückgeworfen. Wenn wir uns also fragen Ist das Glas halb voll oder halb leer, dann müssen wir sagen Beides leider. Danke! Ja, bitte schön.

[00:11:07]

Und Janas Text finden Sie auf Zeit ONLINE. Das war was für heute Morgen. Heute Nachmittag geht es dann hier weiter. Bis dahin können Sie uns gerne schreiben. An was jetzt? Zeitpunkt? Ich bin Pierre Rothenberger.

[00:11:19]

Machen Sie es gut? Wie ging es dir denn damals, im Sommer 2015? Ja, das ist interessant. Ich hab mich jetzt in der Beschäftigung noch einmal zu erinnern versucht, und dabei ist mir aufgefallen, dass solche Zeiten im Nachhinein viel auf Länder wirken, als man sie damals empfunden hat. Das war eine aufregende Zeit. Man hat viel diskutiert. Es war eine sehr politische Zeit. Trotzdem In der Rückschau scheint mir diese Zeit noch hektischer, noch aufgewühlte zu sein.