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SWR2 wissen. Verehrte Zuschauer, wir melden uns für Sie aus Leipzig. In wenigen Augenblicken wird hier in der Messehalle 2 eine große Versammlung mit dem Ersten Sekretär des ZK der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR, Walter Ulbricht, beginnen. DDR Fernsehnachrichten am 15. Juni 1967 Walter Ulbricht, Parteichef der SED und Staatsoberhaupt der DDR, hält eine bemerkenswerte Rede Vor wenigen Tagen ist der Sechstagekrieg zu Ende gegangen. Israel hat in diesem Krieg sein Überleben gesichert. Es hat Ägypten geschlagen und mit ihm die arabischen Verbündeten, die Verbündeten des Ostblocks, die Sowjetunion und die DDR.

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Walter Ulbricht zeigt sich als schlechter Verlierer. Den Existenzkampf Israels hält das DDR Oberhaupt für ein Märchen.

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Das können Sie Gejammer über die angebliche Blockade Israels, weil sie ein so global Strategie der USA in Berlin ist ein gehöriger Bluff. Dazu bestimmt die israelische militärische Aggression gegen seine arabischen Nachbarn das Mäntelchen eines Existenzkampf, eines Kampfes um Leben und Tod und wie die Phrasen alle heißen, einzuengen. Antisemitismus in der DDR Staatsfeind Israel von Michael Helle. Der Gründungsmythos der DDR liefert ein großes Versprechen Nationalsozialistische Herrschaft und Antisemitismus werden beseitigt mittels Abschaffung des Kapitalismus. Als Sieger der Geschichte wähnt man sich nach dem Zweiten Weltkrieg und der Niederlage Hitlerdeutschlands befreit von Schuld und Verantwortung.

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Dieses Selbstbewusstsein hat die Regierung der DDR offenbar blind gemacht für den eigenen Antisemitismus. Erst heute widmen sich Historiker ausführlich dieser Thematik. Der Staat Israel als Zufluchtsort wurde von der DDR und ihren arabischen Partnern im Nahen Osten gezielt bekämpft. Ein besonderes Problem sah Walter Ulbricht darin nicht. Für ihn war Israel der Aggressor, die DDR und ihre Verbündeten.

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Das Opfer ist nur uns, wenn es noch die Deutschen Demokratische Republik gegangen wäre, so die Sowjetunion. In den sozialistischen Ländern gegangen wäre, dann wäre im Nahen Osten Frieden. Dann hätte dieser Krieg nie stattgefunden.

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Nur wenige Tage vor seiner Rede hatten am 5. Juni 1967 israelische Kampfflugzeuge die Luftwaffe Ägyptens zerstört. Bomber und Jäger sowjetischer Bauart.

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Auch die DDR rüstete Ägyptens Militär auf. Seit Monaten standen Bomber bereit, um den jungen Staat Israel zu zerstören. Am ersten Tag des 6 Tage Krieges erklärte der israelische Verteidigungsminister Moshe Dayan im ARD Hörfunk.

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Naja, denn vor allem da sind wir in Israel und haben keine Eroberung gelöst. Nun haben wir müssen noch verhindern, dass die arabische Armee unser Land erobert. Zu sagen, wir müssen die Schlinge, die uns um den Hals gelegt wurde, zerschneiden. Die ja gibt sich darüber. Und dann kamen die Armeen Syrien, Jordanien und Irak zahlreicher als New. Aber morgen? Wir sind ein kleines Volk, aber ein mutiges Volk. Wir lieben den Frieden, aber wir sind bereit, für unser Land zu kämpfen.

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Der israelische Angriff kam überraschend für Ägyptens sozialistischen Präsidenten Nasser und die ägyptische Armee. Und er überrumpelte auch die Verbündeten Ägyptens, unter anderem die Sowjetunion und die DDR. 80 Millionen Araber gegen zweieinhalb Millionen Juden, ein Drittel davon Holocaust-Überlebende. Mit einem so klaren und schnellen Sieg Israels hatte kaum jemand gerechnet. Auch Walter Ulbricht nicht. Die DDR mit ihm an der Spitze, stand seit Jahren auf Seiten der Araber. Verständnis für Israel, Solidarität mit den Überlebenden der deutschen Verbrechen passten nicht ins Weltbild der DDR-Führung.

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Das macht auch Walter Ulbrichts Rede in Leipzig deutlich. Die israelische Frage war für ihn lediglich Teil einer aggressiven US amerikanischen Außenpolitik.

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Es geht hier nicht um einen Kampf geht. Warum der sogenannte, wie man sagte, überleben Juden. Es geht nicht um euch morgen und schon gar nicht nur um Angelegenheiten des Alten Testamentes.

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Ach, wie ich jetzt. Wie grausam. Ein. Und die Sonne wie die Strahlen die blauen Himmels sehen.

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Walter Ulbricht war taub für das Bedürfnis vieler Jüdinnen und Juden nach einem Staat, nach Sicherheit. Die DDR Zeitungen verbreiteten Verschwörungs Erzählungen über den jüdischen Staat. Israel wäre nichts anderes als die Speerspitze des Imperialismus, ein Eindringling in arabische Erde. In den Artikeln wurde der israelische Angriff auf Ägypten mit den Angriffen der Nazis verglichen.

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Der Zustimmung seiner Anhänger konnte sich Walter Ulbricht sicher sein. Das Image von Ulbricht, was den Heranwachsenden, den Jugendlichen vermittelt wurde. Das war ja er des freundlichen Großvaters. Da spreche ich als Zeitzeuge, wie ich es damals wahrgenommen habe. Bei freundlichen Grossvaters, der tatsächlich im Zweiten Weltkrieg auf der richtigen Seite gestanden hat. Im Kampf Risiken eingehen. Eingegangen ist, um gegen den Hitlerfaschismus zu kämpfen.

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Thomas aber ist Sozialwissenschaftler und Buchautor. Seit über drei Jahrzehnten beschäftigt er sich in Leipzig mit der Generationen Geschichte der DDR Eliten. Vor allem die Aufbau Elite der DDR folgte Walter Ulbrichts Vorstellungen und verdammte Israel. Die junge Generation war stark geprägt vom antifaschistischen Gründungsmythos der Deutschen Demokratischen Republik. Die Kommunisten hatten die Faschisten besiegt.

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In Ostdeutschland ist die das moralische Problem der Vergangenheit so gelöst worden, dass die kleine antifaschistische Elite, die zweifellos die Macht hatte in diesem Staat, die die politische, materielle Macht, aber eben auch die intellektuelle führende Schicht stellte. Es die ihrer Bevölkerung ein Identifikations Angebot zur Verfügung stellte. Und man konnte dann durch den Aufbau des Sozialismus, durch das Mitmachen praktisch sagen. Man ist nur ein Freund der Sowjetunion, Freund der Sieger über den Nationalsozialismus.

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Diese Sichtweise half Walter Ulbricht ganz wesentlich dabei, die Macht seiner SED im Land zu legitimieren. Indem die Kommunisten 1945 über die faschistischen Kapitalisten gesiegt hätten, seien in der DDR auch die Grundlagen für Judenhass, Rassismus und Antisemitismus beseitigt worden. Man fühlte sich in gewisser Weise als Sieger der Geschichte. Für Fragen nach der eigenen Schuld oder gar Verantwortung für Mitgefühl gegenüber den Familien der ermordeten Juden blieb da kein Platz.

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Das galt besonders für die Jüngeren die DDR Aufbaugeneration. 1937 wurde das Konzentrationslager Buchenwald erbaut Leidens Ort. Tausende Häftlinge für Regimegegner aus ganz Europa, aber auch Juden. Die Gefangenen mussten Sklavenarbeit in der Thüringer Rüstungsindustrie verrichten. Tausende sowjetische Kriegsgefangene wurden in Buchenwald umgebracht. Nach Gründung der DDR wurde das KZ Buchenwald zu dem symbolischen Ort des DDR Antifaschismus gemacht. Auch der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Deutschlands, Ernst Thälmann, wurde in Buchenwald getötet. 1958 ließ die Regierungspartei der DDR, die SED, in der Nähe des KZs ein Mahnmal errichten, um der Opfer zu gedenken.

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Juden kamen dabei nur am Rande vor, nicht als jüdisches Volk, sondern lediglich als passives Opfer. Kollektiv der SED ging es um sozialistische Heldenverehrung. Anja Thiele ist Literaturwissenschaftlerin im thüringischen Jena. Sie hat über den Umgang der DDR-Literatur mit der Shoah geforscht.

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Und das war ja tatsächlich auch die Art und Weise, wie in der DDR mit jüdischen Opfern des Nationalsozialismus umgegangen wurde. Die wurden ja ganz dezidiert als Opfer des Faschismus deklariert. Werden die antifaschistischen Widerstandskämpfer, die kommunistischen Widerstandskämpfer als Kämpfer gegen den Faschismus eingeordnet worden?

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Dieses Bild vom antifaschistischen Widerstand im KZ Buchenwald wurde mit Büchern und Filmen, in Schulen und an Universitäten vermittelt. Am berühmtesten ist wohl die DEFA Romann Verfilmung Nackt unter Wölfen aus dem Jahr 1963. Praktisch jeder DDR-Bürger hatte diesen Film bis 1989 gesehen. Die Rettung eines jüdischen Jungen durch Kommunisten im KZ Buchenwald hielten viele Zuschauerinnen und Zuschauer für einen Tatsachenbericht. Anja Thiele macht klar, dass von Solidarität mit Juden weder im Buch noch im Film die Rede sein kann. Es sind Propaganda, Werke, die mit dem Leben und Leiden im KZ wenig gemein haben.

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Der Holocaust sei in der DDR zwar nicht geleugnet worden, schreibt Anja Thiele in einem Artikel. Der Vernichtungs Plan der Nazis sei aber verkannt und als Zitat Fußnote unter eine allgemeine Verfolgung. Zitat Ende untergeordnet worden.

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Meines Erachtens ist Nackt unter Wölfen das hab ich sehr ausführlich analysiert. Kein direkter Aufruf zur Solidarität mit Juden und Jüdinnen. Denn schon in dem Roman, der ja gewissermaßen auch die Gründungs Legende der DDR war, der zeigt eigentlich auf, dass Juden und Jüdinnen werden in diesem Roman schon als passives Opfer kollektiv gezeichnet, die sich nur mit Hilfe der Kommunisten gegen die Nazis wehren können. Und die Kommunisten sind eigentlich diejenigen, die die Juden und Jüdinnen auch gewisser Weise recht paternalistisch retten müssen.

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Und gleichzeitig dient die Darstellung von Juden und Jüdinnen in dem Roman eigentlich nur dazu, um die Kommunisten als heroische Kämpfer und Retter, die geradezu heilsgeschichtliche Wunder vollbringen, dazu. Sind. Ist die Darstellung von des jüdischen Kindes da, der ansonsten keinerlei Stimme hat. Also es ging meines Erachtens schon immer um Antifaschismus, um eine Instrumentalisierung der jüdischen Leiden. Vor dem Hintergrund des Buchenwald Mythos wird auch klar, warum Walter Ulbricht in seiner Leipziger Rede am 15. Juni 1967 nicht erkennen konnte oder wollte, dass der Krieg gegen Ägypten von existentieller Bedeutung für Israel war.

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Walter Ulbricht ordnete die Juden einfach dem imperialistischen Lager zu.

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Es ging und geht viel mehr um eine klasse Auseinandersetzung in monopolistischen, eher den tausenden und imperialistischen Regierungen einerseits und den europäischen Völkern andererseits.

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Als deutscher Kommunist und Nationalist war Walter Ulbricht davon überzeugt, dass seine Macht dem besseren Deutschland, dem Fortschritt in der Welt diente. Gemeinsam mit dem Historiker Rainer Gries beschreibt Thomas aber das Oberhaupt der DDR typologisch als einen der Hauptvertreter der machthabenden Generation misstrauischer Patriarchen.

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Wir haben uns für diesen Label misstrauische Patriarchen für diese ganze Gruppierung entschieden, weil sie zwei Dinge abbildet. Einmal waren diese Leute wirklich die Patriarchen, die haben etwas geschaffen, nämlich die DDR, ein sozialistisches Deutschland. Dafür haben sie gekämpft, viele ihrer Genossen an das Leben für diesen Traum gegeben. Und sie waren also faktisch die einzigen, die damals, 1940, sagen konnten Wir waren's. Wir haben zur richtigen Zeit gegen die richtigen Leute gekämpft. Das, was diese Generation an Kommunisten wie die die Weimarer Demokratie kennengelernt haben, wie die den Nationalsozialismus, wie die die Phase der Emigration in der stalinistischen Sowjetunion erlebt und überlebt haben, das machte sie natürlich wirklich zu traumatisierten, misstrauischen Personen.

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Seit Jahren war Ulbricht darum bemüht, dass seine Deutsche Demokratische Republik in der Welt anerkannt würde. Die arabischen Staaten und ihre Situation passten gut ins bipolare Weltbild Walter Ulbrichts und der SED. Die Guten waren die arabischen Staaten. Die befreiten sich gerade vom britischen oder französischen Kolonialismus. Die Bösen waren die Imperialisten der USA und in der Bundesrepublik Israel gehörte demnach zu den Bösen. Die DDR-Führung buhlte daher regelrecht um Anerkennung bei den arabischen Ländern. Der ägyptische Präsident Nasser teilte die Erzählung vom Kampf gegen Israel als einem Kampf gegen den Imperialismus.

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Wie hier bei einem Treffen mit Ulbricht im Februar 1965 in Kairo lasen Maler noch einmal davon.

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Der ägyptische Präsident hatte nie einen Zweifel an seinem Ziel gelassen, die Gründung des Staates Israel gewaltsam rückgängig zu machen. In einem, wie er es nannte, heiligen Krieg die geraubte Erde Palästinas zurückzuerobern. Da lag es nahe, dass die Sowjetunion und die DDR die arabischen Armeen in Ägypten und in Syrien massiv aufrüsten. Für Israel wuchs damit die Gefahr einer arabischen Invasion. 1967 standen allein in Ägypten 1200 Panzer und 350 Kampfflugzeuge sowjetischen Typs bereit, darunter 70 Bomber vom Typ Flushing 28, die nach einer halben Stunde Flugzeit je drei Tonnen Bomben auf Tel Aviv abwerfen konnten.

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Wir waren beide ergriffen. Gideon Rafael war 1967 der Vertreter Israels im UN-Sicherheitsrat. 1913 in Berlin, als Georg Grover geboren, lebte er seit 1933 in Palästina. Im Auswärtigen Dienst, seit Gründung des Staates Israel, kritisierte er immer wieder den Antisemitismus in der Sowjetunion. In einer Sendung des UN Medien Service beschrieb er 1991 rückblickend das Dilemma östlicher Israel Politik, wie er sich als Schuldiger.

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Was ist Swing Point Taktik?

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Die arabische Position gegenüber Israel.

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Die war in all den Jahren eine 3 Punkte Taktik der Kriegsführung diffamieren, isolieren, auslöschen.

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Ich glaube nicht, dass die Sowjets die Araber in ihrer Zielsetzung in Deutsch heißt. Das Endziel unterstützten die Eliminierung Israel zwar nicht in sowjetischer Absicht, aber sie gingen mit den Arabern in ihrem taktischen Kampf mit. Mit dem besonderen Ziel, die Araber zu unterstützen. Und zweitens uns wegen unserer Proteste gegen die sowjetische Behandlung der Juden loszuwerden, sehe ich all die Protestaktionen.

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Wie gehen wir miteinander?

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Am Morgen des 7. Juni 1967 erobern israelische Fallschirmjäger in der Altstadt von Jerusalem den heiligen Ort des Judentums, die Klagemauer. Dieser Ort war seit 1948 unter jordanischer Herrschaft und für gläubige Juden nicht zu erreichen.

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Vormittags gegen 10 Uhr 20, als bebend und schluchzend die ersten Soldaten die grau gelben Quader berührten ihre bitter Beutels Ausdruck der Soldaten.

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Und jetzt stimmen Sie Ihre Nationalhymne an die Antiqua. Ja, doch ist unsere Hoffnung nicht verloren. Wir gehen vorwärts im Auge nach Zion, nach Hause, zum Land Beziehung Jerusalem.

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In nur wenigen Tagen hatte der kleine Staat Israel gezeigt, dass er sich der Weltmacht des Sozialismus, der Sowjetunion widersetzen konnte. Tatsächlich war der Vormarsch Israels nur gestoppt worden, weil die Sowjetunion drohte, auf Seiten der Araber in den Krieg einzutreten. Doch die Parole war gegeben Wir, die Juden, lassen uns nie wieder vernichten. Noch einmal rückblickend Gideon Rafael Nein, das ist mein Schlecht.

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Ich habe diese Angelegenheit viel später in der Sowjetunion diskutiert, und meine Gesprächspartner haben zugegeben, dass meine Analyse richtig war. Es machte sie einfach nur wütend auf uns, dass dieser Kleine schnarrt, diese verdammten Juden, wie so nervende Hornissen ihnen die ganze Zeit international Ärger machten. Euch schwächlicher.

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Dabei ging es nicht um einen Krieg der Worte, der Wahrheiten, der Spitzfindigkeiten. Das sagt der amerikanische Historiker Jeffrey Harff. Seit fast drei Jahrzehnten forscht Harff zum Verhältnis der deutschen Staaten zu Israel. 2019 erschien die deutsche Ausgabe seines vielbeachteten Buches Unerklärte Kriege gegen Israel, die DDR und die westdeutsche radikale Linke. Bei einer Lesung in Leipzig im Januar 2020 erklärte Jeffrey Herve sein Anliegen.

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Dieses Buch arbeitet auf wie eine antiisraelische Ideologie, in die Unterstützung von Krieg und Terror mündete, gerichtet gegen die Bürger des jüdischen Staates. Dabei interessiert mich die Frage, warum und auf welche Weise sich manche Deutsche, ausgerechnet jene, die sich selbst zur Antifaschistin hielten, an einer Politik beteiligten, die wieder einmal Juden Schaden zufügte.

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Inzwischen haben Forscher wie Jeffrey Harff die Waffenlieferungen der DDR an arabische Staaten, unter anderem an Ägypten, später an Syrien, den Irak und an palästinensische Terrororganisationen hinreichend nachgewiesen. Panzer, Kampfflugzeuge, Schiffe, Minen, Tausende Sturmgewehre dazukamen Rückzugsräume, Geheimdienstoperationen und diplomatische Initiativen zugunsten der PLO, der Palästinensischen Befreiungsorganisation um Jassir Arafat. In seinem Buch gibt Jeffrey Harff den sozialistischen Staaten eine Mitschuld an den Krisen im Nahen Osten bis heute.

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Er schreibt Während die arabischen Staaten und die Palästinenser Organisationen gedrängt worden, einer Kompromisslösung mit Israel zuzustimmen, dann gäbe es jetzt womöglich einen blühenden palästinensischen Staat und eine Region, die Besseres zu tun hätte, als verheerende Bürgerkriege zu führen und antisemitische Verschwörungstheorien immer und immer wieder aufkochen.

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Erst die friedliche Revolution von 1989 ändert grundsätzlich die Haltung der DDR Regierenden zu Israel. Im April 1990 beschließt die Volkskammer als erstes frei gewähltes Parlament der DDR eine Israel Resolution. Darin erkennen die Verfasser eine Mitverantwortung an Vertreibung und Ermordung jüdischer Frauen, Männer und Kinder während des Nationalsozialismus an. Und sie ziehen erstmals auch explizit die DDR zur Verantwortung.

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Wir bitten die Juden in aller Welt um Verzeihung. Wir bitten das Volk in Israel um Verzeihung für Heuchelei und Feindseligkeit der offiziellen DDR Politik gegenüber dem Staat Israel und für die Verfolgung und Entwürdigung jüdischer Mitbürger auch nach 1945 in unserem Lande.

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Auch bei den damaligen Linken im Westen kam es mit dem Ende der SED-Herrschaft in der DDR zur Erschütterung. Antiisraelische Positionen allerdings nur zögerlich und nicht flächendeckend. Einen möglichen Zusammenhang von antiimperialistischen Weltbild und Judenhass wollen einige linke Vordenker bis heute nicht erkennen. Beispielhaft für diese Position ist bis zu seinem Tod 2016 Kurt Pätzold, einst führender Faschismus, Forscher der DDR. Petzold lehnte den Begriff nationalsozialistische Diktatur stets ab. Nach 1989 war er ideologischer Vordenker der Partei Die Linke. Über eine Ausstellung 2007 zu Antisemitismus und Juden Abwehr in der DDR mit dem provokant ironischen Titel Das hat es bei uns nicht gegeben sei Kurt Pätzold sehr verärgert gewesen, erinnert sich der Freiburger Historiker Thomas Hori.

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Er hat in den 1990er Jahren in Freiburg studiert und über Antisemitismus von links promoviert.

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Da war ich Mitarbeiter bei einer Ausstellung der Amadeu Stiftung über Antisemitismus in der DDR. Und da hat ja auch Petzold sich stark dagegen ausgesprochen. Und in dem Zusammenhang haben wir uns getroffen und da wurden wir eben auch nochmal deutlich, wie stark diese Abwehr zusammenhängt mit diesem antifaschistischen Selbstbild. Es wurde immer gleich als ein Angriff auf die DDR und ihren Antifaschismus interpretiert und abgewehrt. Es war natürlich zum einen auch einfach, aber für Teile Leute war das auch ein ganz wichtiges Moment von ihrem Selbstbild.

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Sei es persönlich, sei es politisch.

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2010 schrieb Kurt Petzold sogar ein Buch mit dem Titel Die Mär vom Antisemitismus. Darin schreibt er, die Ausstellung von 2007 beginne ein neues Kapitel der Anti DDR Propaganda. In linken Kreisen wurde Petzolds Buch ausgesprochen wohlwollend aufgenommen. Man wolle an der guten Tradition des DDR Antifaschismus, des besseren Deutschland nicht rütteln, vermutet Historiker Thomas Hori. Die Versäumnisse und Lücken im offiziellen Umgang der DDR mit dem Nationalsozialismus seien daher bis heute geblieben. Die mit Israel sowieso.

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Und das Zweite, was auch noch dazukommt die DDR und generell die kommunistische Theorie kann mit Antisemitismus wenig anfangen. Also dass Ideologie eine wichtige Rolle spielt, das fiel in der DDR völlig raus. Antisemitismus wurde ja nur gesehen als ein Herrschaftsinstrument eben von kapitalistischer imperialistischer Seite, um das Proletariat Art abzulenken von den wahren Feinden, all den Klassen, Klassen, Wut auf auf die in die falsche Richtung zu lenken. Und damit hat man den Antisemitismus von vornherein als etwas relativ Unwichtiges zur Seite geschoben.

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Thomas Hori hat eine leere Handreichung herausgebracht Antisemitismus von links Facetten der Judenfeindschaft. Hori verweist darin auf verwandte Israel, Sichtweisen von DDR, Teilen der Linken und der BDS, der Israel Boycott Bewegung in der Bundesrepublik. BDS steht für Boykott des Investitionen und Sanktionen und wurde vom Bundestag im Mai 2019 als antisemitisch eingestuft. Thomas Hori befürwortet die laufende Auseinandersetzung, weil damit deren extreme Positionierungen nicht mehr unwidersprochen bleiben. Das gelte auch für die aktuellen Diskussionen um Rassismus und Kolonialismus. Nicht selten würde dabei wie früher in der DDR Israel einseitig als böser, rassistischer, kolonialer Staat dargestellt, während wie einst in der DDR die Guten, die Palästinenser also in ihrem vermeintlichen Freiheitskampf zu unterstützen seien.

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Gerade junge Menschen, aber auch Lehrkräfte, die weit ab von der DDR sozialisiert wurden, sollten mit Wissen um die Positionen der DDR Machthaber zu Israel ausgestattet werden. Thomas Hori Dieser Streit hat inzwischen eine dreißigjährige Geschichte. Gerade die heutige Anti-Rassismus Diskussion kann wieder wie auch schon dieses anti-imperialistischen Schema dazu führen, dass man den Nahostkonflikt sehr einfach, simplifizierend und binär in Gut und Böse aufteilt. Genau das macht die BDS Boycott Bewegung. Sie sagt Israel ist ein rassistischer Staat und deswegen ist dagegen vorzugehen.

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Und für BDS heißt das im Kern auch Weder das Ende Israels ist unser Ziel. Also auch diese Anti Rassismus ist keineswegs jetzt unbedingt eine Barriere, um nicht bei Israel genau wieder fast deckungsgleiche Positionen einzunehmen wie in früheren Jahrzehnten.

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In der DDR störte es die Herrschenden nicht, wenn durch ihre Politik wieder Juden umkamen. Schließlich sahen sie ihr Handeln ganz im Interesse eines gesellschaftlichen Fortschritts. Der Antisemitismus in der DDR ist aber nicht mit der DDR vergangen. Er lebt im Osten weiter in gängigen antijüdischen antiisraelischen Vorurteilen. Diese wurden nach 1990 viel zu vorsichtig kritisiert. Die besondere Sichtweise der DDR-Führung auf Israel wurde vielfach auch von den Regierungen in den neuen Bundesländern nach 1990 nicht erkannt. Davon konnten auch die Neuen Rechten im Osten profitieren.

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Ihre Schlußstrich Forderung dockt bequem und unmittelbar an die mangelnde Durchdringung des deutschen Nationalsozialismus an, wie sie die DDR Spitze vormachte. Die Neuen Rechten im Osten sind so späte Nutznießer des Kampfes der DDR gegen den Staatsfeind Israel. Die Welt verstehen. Jeden Tag SWR2 Wissen, Manuskripte und weiterführende Informationen zu unserem Podcast und den einzelnen Folgen gibt es unter SWR2 Wissen. D.